sep 27, 1997

TSUYOSHI SUZUKI

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(taken from: KERNEL Goa Infoblatt 15.10.97 copyright: 1997 Alan Frostick.)

Tsuyoshi Suzuki tourt gerade für sein Label, Matsuri Productions, durch Deutschland und Europa. Am 27. September machte er im Natraj-Tempel in München Station. Einfach nur auf der diesjährigen Matsuri-Party dabei zu sein, wäre Grund genug für mich gewesen, die lange Reise in den unerforschten Süden anzutreten (siehe Party-Report). Ein Interview-Termin mit dem Großmeister des Psy-Trance entschädigt doppelt für 9 Stunden auf der Autobahn. Viel Spaß beim lesen, Alan.

KERNEL: Du lebst jetzt schon einige Zeit in London. Bist Du dort oder schon in Japan in die Trance-Szene eingestiegen?T.S.: Ich hab' mich schon mit 12 Jahren für Techno Music interessiert. Damals gab es ja nur Techno. Dann fing die Musik sich in verschiedene Richtungen zu splitten, Industrial Techno, Trance, Drum'n Bass, Hip Hop. Als ich 8 Jahren nach Goa fuhr, entdeckte ich den Trance für mich. Ich fand in den Trance-Partys eine Verknüpfung mit dem Techno und gleichzeitig waren sie sehr progessiv und anarchisch. Die Partys sind seitdem mein Leben. Für mich hat sich damit alles geändert, mein Stil, mein Leben, einfach alles. KERNEL: Wie war Deine Musik vorher?

T.S.: Am Anfang hab' ich mehr im Rock'n Roll-Stil gemacht, ein bißchen wie die Cocteau Twins. Dann hab' ich, während ich in Tokio Computergrafik und Videokunst studierte, in einer Band Drums gespielt, wo wir viel mit Synthesiser Backings gearbeitet haben.

KERNEL: Eine japanische Freundin von mir, Mitglied der Frank Chickens Performance, versuchte '92 Techno Partys in Tokio zu organisieren. Sie fand es extrem schwierig. Wie ist die Party-Szene in Tokio?

T.S.: Ich war ja lange aktiv in den Partys dort und kann sagen: Das ist heute noch so, wie vor fünf Jahren. Die Szene ist eher klein und die Partys sind sehr underground, aber zum Teil sehr gut.

KERNEL: Ich bin vor fünf Jahren von London nach Hamburg gekommen, weil die Partys hier besser sind. Anfangs war es auch in London gut, aber seit dem Criminal Justice Bill ist es dort ziemlich tot. Warum bist Du von Tokio nach England gegangen und nicht nach Deutschland?

T.S.: Die meiste Musik, die ich hörte, kam aus London und die besten Musiker. Ich hab' zwar auch deutschen Psychedelic und Rock gehört, aber wenn Du was in der Musik-Szene machen willst, bist Du in London immer noch am besten Platz. Mit den Partys ist das aber schon richtig, es gibt zwar immer noch ein paar sehr gute, aber die Szene ist schon sehr underground. Ich bin inzwischen aber auf Partys in der ganzen Welt...Meine letzte Party in San Francisco war unheimlich schön. Es waren zwar nur 800 Leute da, aber die Amerikaner gaben mir das Gefühl wirklich willkommen zu sein.

KERNEL: Was hälst Du von den deutschen Partys?

T.S.: Die Trance Partys in Deutschland sind weltweit die besten, weil ihr hier alle Möglichkeiten habt. Es ist völlig frei, man kann Open Airs machen, es gibt jede Menge Locations.

KERNEL: Ja, mit sechs bis zehn Open Airs diesen Sommer jedes Wochenende, entwickelt sich in Deutschland die größte Trance-Szene überhaupt...

T.S.: Für mich selbst ist es aber in Australien, San Francisco oder Japan besser. Europa ist viel zu sehr auf eine Sache beschränkt, das finde ich nicht so gut. Ich glaube, in Zukunft wird das ÒEast EdgeÓ sehr viel bedeutender werden, denn die Szene in Europa steckt fest. Das Party-Konzept ist hier verloren gegangen, es ist alles viel zuviel und die Leute wissen nicht mehr, was sie damit machen sollen. Es geht nicht weiter.

KERNEL: Wie, denkst Du, sollte die Entwicklung aussehen?

T.S.: Ich weiß nicht... Das Gesellschaftsystem erlaubt nicht, daß sich die Party-Szene weiterentwickelt. Ich arbeite in Europa, weil es für mich zur Zeit noch Möglichkeiten gibt, aber in Zukunft wird sich der Stil hier ändern. Aus Europa kommt wirklich fantastische und progessive Musik, aber die Medienleute, die Leute von den Techno-Magazinen, die Party-Veranstalter, all die kommerziellen Musikleute haben komplett aus den Augen verloren, worum es bei den Partys überhaupt geht, wissen nichts darüber, was Techno bedeutet. Techno in Europa verkommt mehr und mehr zu Disko.

KERNEL: Und die Trance-Szene mit ihren schamanischen Elementen?

T.S.: In der Trance-Szene ist es ein bißchen anders, weil sie anarchistischer ist. Aber auch hier komm ich in den letzten zwei Jahren immer weniger klar. Seit ich mein eigenes Plattenlabel habe, Matsuri Productions, muß ich dafür zum Beispiel auch Werbung in den Techno-Magazinen machen. Ich will eigentlich gar nichts damit zu tun haben, aber um mein Label zu pushen und Geld zu verdienen, muß ich auch mit Leuten verhandeln, die von Techno keine Ahnung haben. Die sehen die Wahrheit nicht, wollen sie gar nicht sehen. Ich glaube, daß ich mit Trance moderne Kunst mache. Die Verbindung zwischen Trance-Musik und moderner Kunst ist da. Die Dekokunst und die Philosophie der Trance-Musik sind doch voll progressiver Elemente des Lebens.KERNEL: Du siehst Dich selbst als Künstler?

T.S.: Ja, was ich tue ist ein Bereich der Kunst. Viele Leute verstehen das nicht. Aber Du mußt in dem, was Du tust, ein Konzept haben, sonst kannst Du Dich nicht entwickeln - besonders in der Techno-Szene... Wenn Du etwas machst, das gut ankommt, übernehmen alle diesen Stil, es wird zur Mode. Alle machen das gleiche, die gleiche Musik, den gleichen Party-Stil und es kommt nichts neues nach. Das ist wirklich langweilig. Und jedes Wochenende die gleichen Parties zu feiern, wird einfach öde. Deswegen braucht Du ein Konzept. Du solltest Dir sogar überlegen, warum tanzen die Leute überhaupt, verstehst Du?!

KERNEL: Tanzt Du auch?

T.S.: Ich tanze sehr viel. Schon als Kind hab' ich gern getanzt. Deswegen bin ich auch zur Dance Music gekommen. Tanzen gehört zum Matsuri-Konzept, nach dem mein Label benannt ist. Matsuri ist ein japanisches Ritual, eine Art religiöses Festival, wo Menschen an einem bestimmten Tag zusammenkommen und völlig losgelassen tanzen. In Indien gibt es etwas ähnliches mit dem Kumbumala, wo sich mehr als 10 Millionen Hindus und Sadhus versammeln. Ich hab' mich immer gefragt, warum tun die Menschen das, was bringt sie dazu?

KERNEL: Ich hab' mich das bei den Trance Partys auch schon oft gefragt, zum Beispiel wenn tausend Leute auf der VOOV glücklich im Regen tanzen... Die Partys selbst scheinen süchtig zu machen. Selbst Leute, die keine Drogen nehmen, kommen immer wieder, ohne sagen zu können, was sie daran so anzieht...

T.S.: Tanzen ist ein ganz grundlegendes Bedürfnis. Als Party-Geher brauchst Du nicht darüber nachzudenken, warum Du das tust. Aber als Party-Veranstalter oder wenn Du Musik machst, solltest Du schon ein Konzept haben.

KERNEL: Jeder, der in die Party-Szene involviert ist, beklagt sich, daß es so schwierig ist, damit Geld zu machen....Warum arbeitest Du so hart, warum machst Du nicht etwas, wo sich leichter Geld verdienen läßt?

T.S.: Weil ich etwas fortschrittliches tun möchte und etwas, das mir Spaß macht. Ich könnte natürlich auch Rock 'n Roll machen, aber das ist nichts progessives.

KERNEL: Was wirst Du heute abend auflegen, hast Du neue Tracks dabei?

T.S.: Oh ja, ich hab' ein paar ganz aktuelle Platten aus London mitgebracht.

KERNEL: Du sagst Platten, das heißt Du mixt Vinyl und keine DATs?

T.S.: Ja, ich mixe hauptsächlich Vinyl, das reagiert besser. Ich kann das Tempo besser steuern und die Stücke so auf den Punkt mischen, daß die Atmosphäre der Party sich ganz gezielt auf ihren Höhepunkt zu bewegt.

KERNEL: Von allen Jobs, die Du in der Musik-Szene machst - Dein Record Label führen, Musik im Studio produzieren, als DJ arbei

ten - was tust Du am liebsten?
T.S.:
Das ist wirklich schwer zu sagen. Ich mag es sehr neue Musik zu schaffen, aber ich glaube, als DJ am Mixer zu stehen, ist am besten. Da bekomme ich von den Leuten die direkte Reaktion auf das, was ich tue. Und es gibt mir jedesmal wieder den Kick, wenn die Leute mögen, was ich auflege, und richtig darauf abgehen.

KERNEL: Dann wünsche ich Dir ein tolles Set heute abend und vielen Dank für das Gespräch.




feb 97

TSUYOSHI SUZUKI
Weltreisender in Sachen Trance

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(taken from: mushroom magazine feb 97)

Text: Mat Mushroom

Tsuyoshi ist sicherlich einer der bekanntesten Trance-DJs unseres Heimatplaneten. Neben ausgebuchten Wochenenden an den hintersten Zipfeln der Welt mußte der gebürtige Japaner sich in letzter Zeit nicht nur um sein Plattenlabel Matsuri Productions kümmern, sondern fand auch noch genügend Zeit, zusammen mit seinem momentanen Musikpartner Andy Guthrie das kürzlich erschienene Prana-Album ãGeomantikÒ zu produzieren, welches zur Hälfte mit Original-Prana-Stücken und zur anderen Hälfte mit Remixen vollgestopft ist.

Pilz: Du stammst ja eigentlich aus Japan. Was hat Dich dazu bewogen, nach London zu kommen.

T.S.: Das hat mit der Goa-Connection zu tun. Ich fuhr 1989 das erst mal nach Indien und traf dort eine Menge Leute, die hier in London eine Szene aufbauten. Zum Beispiel die TIP-Jungs oder Mike Mc Guywer von Juno Reactor. Letztendlich baten sie mich, nach London überzusiedeln, um gemeinsame Projekte verfolgen zu können.

Pilz: Wieso wurde im Laufe der Jahre gerade die Szene in London so groß?

T.S.: Das liegt natürlich an den vielen Psychedelic Trance-Labels, die es hier gibt. Auch kommen gerade aus Großbritannien sehr viele geniale Trance-Musiker.

Pilz: Wie würdest Du den typischen Matsuri-Sound beschreiben?

T.S.: Kann ich das überhaupt? Ist halt mein persönlicher Musik-Geschmack... Was ich nicht mag, ist dieser typisch überladene Goatrance-Sound. Das ist Musik von Gestern. Was ich hören will, sind interessante Sounds mit verschiedenen Einflüssen, die auch aus dem ambienten oder experimentellen Bereich kommen können. Drum & Bass und viele House-Sachen mag ich beispielsweise auch sehr gerne.

Pilz: Viele Trance-People haben da ja so ihre Probleme mit Housemusik...

T.S.: Diese Einstellung kann ich nicht verstehen. Warum sind so viele Leute denn nur so eingeschränkt in ihrem Musikgeschmack. Viele Houselabels veröffentlichen gewisse Sachen, die man echt prima in ein Trance-Set einbinden kann. Man kann House auch auf die psychedelische Art mixen. Ich meine, daß Du an solchen Einstellungen den professionellen DJ erkennst Der typische Goatrance-DJ widmet sich hingegen nur den Goa-Labels. Das ist doch Bullshit!

Pilz: Wo wir doch gerade bei dem Thema sind. Wo kaufst Du am liebsten Deine Platten?

T.S.: Für Trance ist hier in London Zoom Records wohl die beste Wahl. Choci´s Chewns ist auch klasse.

Anmerkung der Redaktion:
Zoom Records: Basement, 162 Camden High Street, NW1 London 0NE, Underground-Station: Camden Town,
fon: +44-171-2674479
Choci´s Chewns: Basement, 9-12 St Anne´s Court, W1V London 3AX, Underground-Station: Leicester Square,
fon: +44-171-4343097

Pilz: Wir waren heute bei Zoom. Die Plattenläden in London scheinen ja recht klein zu sein.

T.S.: Sie sind zwar klein, aber dafür gibt es recht viele Record Shops. Und jeder Laden hat seinen ganz persönlichen Style, den er vertritt. Aber wenn ich neue Platten haben will, gehe ich sowieso oft lieber gleich direkt zu den Labels, da bekommt man die Platten schneller :-) Oder ich bekomme sie zugeschickt :-)

Pilz: Was kannst Du uns über die britische Trance-Szene sagen?

T.S.: Es ist eine gute Szene, partymäßig läuft hier allerdings nicht so viel ab. Oder anders gesagt, die guten Partys laufen - auch wegen des Criminal Justice Bill - im Underground ab. Open Airs sind deshalb fast gar nicht möglich und Indoor Partys enden halt sehr früh. Wenn ein Veranstalter gegen das Gesetz verstößt, wandert er ganz schnell in´s Gefängnis. Das ist das Gesetz - hart und ungerecht...

Pilz: Wenn die Partys so früh enden, dann gibt es hier in London vermutlich auch keine After Hours...

T.S.: Das ist richtig.

Pilz: Kämpft da denn keiner gegen an?

T.S.: Doch doch. Vor etwa zwei Jahren, als der Criminal Justice Bill eingeführt wurde, gab es sehr viele Demonstationen. Einige Leute starben sogar in Kämpfen gegen die Polizei, viele andere wurden festgenommen und in´s Gefängnis gesteckt.

Pilz: Und heute?

T.S.: ...laufen die guten Partys wegen dieses Gesetzes halt strictly Underground ab.

Pilz: Was denkst Du über die deutsche Trance-Szene?

T.S.: Ich mag sie sehr gerne. Die Parties gehen halt oft bis in den Nachmittag, was hier in Großbritannien nicht möglich ist. Was ich an den Deutschen Trancern auch sehr schätze: sie hören mehr auf die Musik und respektieren das Set eines DJs, das auch mal ältere Stücke beinhalten kann. Wenn ich hier zum Beispiel in der Brixtoner ãFridgeÒ auflege, dann erwarten die Leute immer nur die neuesten Stücke. Da bin ich dann viel angespannter als wenn ich in Deutschland aufgelege, da ich hier mein Set immer so gestalten konnte, wie ich es für richtig hielt.