update 10/2/99

DJ SCOTTY
Die VOOV, das Leben und der ganze Rest

Hamburg, germany

Earth "Sunai" (Sangeet & Scotty)

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Aries Records


Interview:

SCOTTY

Text: Moonchild

Wir treffen Scotty in seiner Volksdorfer Dach-Wohnung die er gerade, nach längerem Indien-Aufentalt, pinselschwingender Weise auf Vordermann bringt. Zwischen Farbeimern, Abdeckplanen, seinem Mixer, einem DAT-Player und einer nicht überschaubaren Menge dieser netten, kleinen und bunten DAT-Ledertaschen wollen wir ein bißchen über Ihn, seine Einstellung zur Musik und seine Zukunft wissen.

Pilz: Die obligatorische Frage zuerst: Wann hat es bei dir mit dem Auflegen angefangen?

Scotty: Als ich vor etwa 14 Jahren das erste mal auf einer Indien-Überlandtour in Goa war, und dort eine Party miterlebt hatte, begann ich, Tapes zu sammeln. Irgendwann später gab's hier dann immer eine kleine, sogenannte "Bum Shankar"-Party, damals die einzige ihrer Art in in Hamburg. Die Veranstalter fragten mich, ob ich denn da nicht mal auflegen möchte. Eigentlich habe ich das nie im Kopf gehabt. Ich hatte ja auch nur meine paar Kasetten. Also bin ich dann zu Traktor - einen Plattenladen - gegangen und hab mir so ca. 50 Maxis gekauft, die im Special-Price- angeboten wurden. Alles soīn Zeug aus der New-Beat-Ära. Auf dieser Party hab ich dann auch Antaro kennengelernt, der mich gleich für seine Gartenparty 2 Wochen später engagierte. Seitdem bin ich damit in Gange.

Pilz: Das ist jetzt wie lange her?

Scotty: (überlegt...) Das war......, ich habe gerade noch im Keller die alten Flyer wiedergefunden....., das müßte so 89 gewesen sein.

Pilz: Das heißt , das du Antaro hier in Deutschland kennengelernt hast, also keine Goa-Connection?

Scotty: Nein, nein, Antaro hab ich bei Wally und Susi auf der Party kennengelernt und er hat halt auch immer diese Party in seinem Garten gemacht. Ein Jahr später habe ich dann wieder bei der "Bum Shankar"-Party aufgelegt und da Antaro Probleme mit seinem Garten hatte, habe ich eben selbst eine kleine Party organisiert. Die war in Sprötze bei Ernst seinem Bruder im Garten. Da kamen dann so ca 100-150 Leute.

Pilz: Ist die Idee zur Voov-Experience in dieser Zeit entstanden?

Scotty: Eigentlich war das ein bischen später. Erst organisierten wir die Kieskuhlen-Party in Sprötze. Das war irgendwann 1990 mit etwa 300 Partygästen. Das Jahr darauf haben wir dann die erste Voov-Experience gemacht. Wir haben uns in Goa zusammengesetzt, drüber geredet und Antaro hatte auch schon eine Idee für einen Flyer. Der war noch handgemalt, hatte aber schon das Voov-Alien von Lothar drauf. Nur der Name machte uns Probleme. Die Kidīs, die das Voov-Zeichen sahen, kamen immer auf "Ameise". Das gefiel uns aber nicht. So nannten wir die Party dann einfach nach meinem Lieblingstrack: "Voov"! Und da keiner wußte, was das heißt, haben wir halt diesen Namen genommen. Konnte ja auch keiner ahnen, das die Sache mal so populär wird, das es sogar rechtliche Probleme gab. Weil Voov ja eigentlich der Künstlernamen von dem Christian aus Berlin ist. Anyway, Antaro hat dann das Experience drangehängt und gut war. So hat es eben angefangen und seitdem mach ich das mit Antaro zusammen.

Pilz: Wie erklärst du dir den stetig wachsenden Erfolg des Voov-Experience?

Scotty: Der Erfolg, wenn es dann einer ist, liegt ganz einfach daran, daß da jede Menge Energy von den Leuten die das machen drinne steckt. Wir haben die Sache von Anfang an aus Spaß gemacht, da stand nie ein kommerzieller Kohle-Gedanke hinter. Die Party ist einfach langsam gewachsen. Bis auf letztes Jahr haben sich die Besucherzahlen jeweils verdoppelt. Man kann auch nicht erwarten, wie soviele Leute, die heutzutage Partys machen, das gleich 4000 Leute kommen und man das dicke Geld einheimst. So geht das halt nicht. Eine Party muß vor allem den Leuten, die sie organisieren Spaß machen und das kriegen die Party-People dann auch mit und zum Schluß haben alle einen Riesenspaß.

Pilz: Das sollte aber doch eigentlich den Partymachern und Veranstaltern bekannt sein.....

Scotty: ....was mich halt auch immer wundert, das viele Veranstalter eben nicht mehr den Spaß vor Augen haben sondern nur noch die Kohle. Verstehen kann ich das eigentlich nicht. Die meisten, also bestimmt so 90% der Leute, die heute Partys veranstalten oder DJs sind, kenn ich aus dem Waldheim damals. Die sind doch eigentlich durch Antaro und mich darauf gekommen, so etwas auch mal zu machen. Da war eine saubere Energy damals, die viele inspirierte und alle wollten nur Spaß haben. Das haben viele heute offensichtlich vergessen. Für mich sind die Partys, die heute abgehen, zu 70% ein reines Kohle-Ding!

Pilz: Apropos Inspiration, wie war es denn dieses Jahr in Goa? Was man so hört gehts da ja auch immer mehr um Kohle.

Scotty: Nö, das ist auch ziemlich rückläufig. Ich möchte aber auch noch mal was zu dem Begriff "Goa" sagen. Wir haben diesen Ausdruck ja nie für unsere Partys benutzt. Das waren irgendwie andere, die uns in eine Nische einordnen wollten und da wir halt viel von Goa erzählt haben, paßte das den Leuten wohl ganz gut. Anyway! So ist dann der run auf Goa entstanden und zwar nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus England und vor allem aus Israel. Das führte dann auch dazu, das dort in den letzten 4-5 Jahren nichts mehr so gelaufen ist wie früher. Die Party-People haben eben keine Rücksicht mehr auf die Locals und die Natur genommen, sondern wollten einfach nur noch Party machen. So ist dann halt alles übers Ziel hinnausgeschoßen. Das ist da, genau wie hier. Bei soviel Leuten wurde dann eben auch ein Kohle-Ding draus. Man muß sich das mal vorstellen: bei einer Party mit 5000 Leuten macht ein Inder, der die Bar auf der Party macht, in einer Nacht soviel Geld wie in seinem ganzen Leben vorher. Da gabs dann reichlich Neid und viele Streitereien und eben keine Partys mehr. Das führte dann dazu, das wie im letzten Jahr kaum noch Leute kamen. Mittlerweile läßt die Polizei auch wieder kleine Partys zu. Die großen Sachen gibts aber nicht mehr.

Pilz: Kommen wir doch jetzt mal zur Musik. Der am meisten gehörte Vorwurf an die DAT-DJs ist, das ihr nicht richtig mixt. Wie siehst du das?

Scotty: In Goa, ganz früher, hatten wir nur einen "Professional"-Walkman mit normalen Casetten. Die Platten, die man hier bekam waren einfach zu wenige, so 10 vielleicht im Vierteljahr. So erklärt sich auch, warum von den alten Goa-DJs kaum einer richtig mixen kann. Klar kamen dann auch irgendwann ein paar Platten dazu, wenn ich aber dann vier Monate in Goa war, hab ich die nie mitgeschleppt. Ich persönlich halte mixen aber auch nicht für so wichtig. Für mich erzählen viele Tracks eben eine Geschichte mit Anfang und Ende. Und die will ich auch komplett haben. Aber wenn die Leute halt sechs Stunden durchgehend Sound ohne Übergänge haben wollen, ist das schon eine andere Generation. Das hat mit dem, was wir machen, nicht mehr viel zu tun. Außerdem, schau dir doch die Leute mal an, wenn sie fünf Stunden am Stück die 145 Beats um die Ohren gehauen bekommen: die sind doch danach total fertig. Ich finde, da gehören schon mal Teppiche und ruhige Sounds mit, rein um die Leute mal Luft holen zu lassen.

Pilz: Also geht den Trance-Tracks durch das mixen ein bißchen der Charakter verloren?

Scotty: Für mich schon! Der Sound hört sich mittlerweile ziemlich gleich an. Ich bleibe bei meinen Sets deshalb auch nicht bei einer Linie, sondern versuch halt auch in verschiedene Richtungen zu gehen. Früher war das so, das die Leute den Sound nicht kannten. Was du schön fandest, konntest du auch spielen. Wenn du heutzutage auch nur mal īne halbe Stunde in eine Richtung gehst, die die Leute nicht kennen, ist der Floor leer. Die lassen sich auf nix mehr ein und wollen meißtens nur noch den vollen Power-Sound. Die machen sich dann in fünf Stunden total nieder und da genau geht für mich der Spirit verloren. Auch tanzen die Leute nur noch für sich, das war echt anders früher, mehr ein miteinande, was es heutzutage nur noch auf wenigen Partys gibt.

Pilz: Wie siehst du deine Zukunft und was steht musikalisch auf dem Zettel?

Scotty: Mit dem Sascha (S. Pragal von Kethamin, Anmerk. d. Red.) hab ich vor 3-4 Monaten mal drüber geredet, etwas zusammen zu machen. Leider habe ich immer so wenig Zeit. Ansonsten hoffe ich, das ich die Voov noch bis ins hohe Alter mache, solange ich und die Leute eben Spaß daran haben. Mit dem Auflegen fühlt es sich gerade so, das ich auf diese Club-Geschichten nicht mehr die große Lust habe, sondern mehr auf Open-Airs mit īner superschönen Energy und netten Leuten.

Pilz: Vielen Dank für die teils recht offenen Worte und only-the-best für deine zukünftigen Projekte.