
mai 5
MARC VAN DER VLUGHT & DRY ICE
Wenn der Vater mit dem Sohne
Text & Fotos: Kai Mathesdorf
Taken from mushroom magazine 1/99
Im Vergleich zu Peter ist Antaro noch
ein junger Hirsch und ich ein grüner Sack. Ich habe großen
Respekt, denn es sind schon sehr coole Jungs, die in so gehobenem Alter
immer noch die Party-Strapazen auf sich nehmen und in diesem Fall sogar
ordentlich Input ins Partygeschehen geben. Dry Ice ist der bekannteste
Ambient-Dreher der psychedelischen Rebublik und sein Sohn Marc hats
auch faustdick. Beide zusammen tanzen zu sehen, ist ein wirklich schöner
Anblick, den man gelegentlich im Cult haben kann, wenn Vater und Sohn
kollektiv Floor und ChillOut beschallen.
Kai: Es ist ja absolut nicht
normal, daß Vater und Sohn so intensiv auf die gleiche Musikrichtung
abfahren. Was ist Euer musikalischer Hintergrund und wie alt seid ihr
eigentlich?
Peter: Ich habe diese Musik
erstmals vor 11 Jahren in Goa auf einer Party in Chapora gehört,
wo Goa Gil gespielt hat und war sofort davon beeindruckt. Die Musik
war so neu und aufregend wie nichts zuvor. Als Teenager habe ich Klarinette
in einer klassischen Formation gespielt, aber meine wahre Liebe galt
Up-Tempo BigBand Jazz. In meinen 20ern ging ich durch die RocknRoll
und Psychedelic-Scene, gefiel mir aber nicht übermäßig.
Die Musiker, die mich am meisten beeindruckt haben, waren Leute, wie
Jimmy Hendrix, Chuck Berry, Pink Floyd. Dann kamen Kraftwerk, Yello,
Brian Eno und mehr und mehr bekam ich Interesse für ethnische Musik,
indische, südamerikanische, afrikanische Musik und Reggae. Zusammen
mit Marc habe ich mein musikalisches Entdecken fortgesetzt. Ich denke,
Marc ist einer der wenigen Leute, die die Power und den Spirit der Musik
wirklich verstanden haben. So habe ich ihm natürlich auch die ersten
Tapes gegeben, die ich aus Goa mitgebracht hatte, und das Resultat von
alledem ist, was im Moment passiert. In den letzten Jahren hat mich
Marc in sehr wunderbare Musik eingeführt. Zum letzten Punkt: Ich
bin 57 (but dont tell anybody").
Marc: Ich bin mit elektronischer
Tanzmusik 1988 in Kontakt gekommen, als die AcidHouseExplosion"
in Manchester und Liverpool abging, obwohl mich das eigentlich noch
nicht so richtig angemacht hat. Mein Vater brachte aus Indien einige
Tapes mit, die er mit verschiedenen Leuten getauscht hatte; und ich
war sehr angetan von ihnen. Aber die Musik allein war es noch nicht.
Ich habe mich dann entschieden, nach Goa zu gehen und die Dinge für
mich selbst auszuchecken. Das habe ich dann auch gemacht: die Musik
war gut, die Vibes waren gut, ich habe einige gute Leute getroffen,
das ganze Ding war frisch und aufregend und ich wurde sehr ernstlich
vom Trance infiziert. Mein musikalischer Hintergrund ist beeinflußt
z.B. von Donovan, Floyd, Led Zep., Tangerine Dream, Johnny Winter und
vielen anderen - und einem gewichtigen Jazz-Einfluß von meinem
Vater. Ich bin jetzt 34.
Kai: Ihr habt einen englischen
Akzent, oder um genau zu sein, ihr sprecht ein deutsches Englisch. Wo
kommt ihr her und warum lebt ihr in Deutschland?
Marc: Mein Vater und ich
kommen aus der Nähe von Leeds. Wir kamen erstmals nach Deutschland,
um an einer Gas-Pipeline zu arbeiten. Über diese Zeit kam es zu
vielen Freundschaften. Als der Job beendet war, ging ich zurück
nach England, hab mich da aber etwas gelangweilt und mich entschieden,
meine neuen deutschen Freunde wieder zu besuchen. Einige Monate später
hatte ich einen Job hier und einen Platz zum Leben. So haben sowohl
ich als auch mein Vater über die Jahre ein neues Leben gefunden
und leben jetzt in Deutschland.
Kai: Was bedeutet der Name
Dry Ice im psychedelische Kontext?
Peter: Als ich angefangen
habe, ChillOut zu spielen, fragten die Leute whats your
name", und es entstand ein bißchen Verwirrung, daß
es zwei van der Vlugts gab. So habe ich darüber nachgedacht, was
denn ein cooler Name für eine ChillOut-DJ wäre. Dry Ice (Trockeneis)
ist tatsächlich flüssiges CO2 mit einer Temperatur von minus
4000 Grad. So dachte ich, das klingt cool genug für mich. Die Verbindung
zwischen meinem Namen und dem psychdelischen Ding ist Chemie; LSD, C02,
THC, etc.
Kai: Das erste Dry Ice-Set,
an das ich mich bewußt erinnern kann, war im Cult im Januar 97;
eine Party mit Mike und einem total abgerittenen Dino Psaras. Es war
angesichts der Lautstärke und seines Sounds für mich absolut
nicht möglich, in der Dance-Area zu bleiben. Draußen war
es so arschkalt, daß das Auto als Verweilstation für diesen
Terror ausfiel; weg konnte ich auch nicht, denn das Auto war nicht meins.
Ich kam also am ChillOut nicht vorbei, wo du ein absolut wahrhaftig
psychedelisches FullOn-Set hingelegt hast. Seitdem gilt dir mein Respekt
und seitdem weiß ich ebenso, daß Ambient-Sounds nicht nur
zum Entspannen da sind. Was ist der Hintergrund für deine Art der
psychedelischen Musik?
Peter: Ich versuche, die
Phrase ChillOut" nicht überzustrapazieren. Ich mag es,
mich selbst als einen Alternative Entertainment DJ" zu sehen,
der aus allen seinen musikalischen Interessen der Vergangenheit und
dem, was ihm jetzt zur Verfügung steht, ein großes Bild malt
und zusammenmischt und damit hoffentlich eine ebenso bunt-gemischte
Gruppe an Party-Leuten unterhält.
Kai: Marc, du giltst als
einer der Jungs mit dem frischesten Sound im Case. Du spielst viele
Sachen von DAT. Mein Lieblings-DJ Mike Maguire, z.B., ist nicht sonderlich
interessiert am Mixen. Manchmal rumpelt er In- und Outro übereinander,
aber es ist total cool. Ihm geht es nur um die Musik und ihre Kombination.
Er tanzt beim Auflegen wie Shiva und das, was dabei rauskommt, ist (zumeist)
brilliant; seine Message ist die Musik für sich selbst. Alte Frage:
ist Mixen notwendig für Trance oder killt es den Spirit der Tracks?
Deine Ansicht, bitte.
Marc: Das Mixing killt den
Spirit der Tracks nicht. Das Mixen hilft, den Flow im Set zu halten,
obwohl natürlich nicht alle Tracks gemixt werden brauchen. Dennoch
ist es eine feine Sache, wenn es gut gemacht ist. Weil ich sowohl mit
Vinyl und DATs auflege, ist es nicht möglich, durchgehend zu mixen.
So überblende ich In- und Outros nach Gefühl, je nachdem,
mit welchem Medium ich arbeite. Es ist alles eine Frage der Präsentation.
Die Präsentation und die Kombination gut miteinander funktionierender
Tracks ist abseits des Mixens das Wichtigste (Keep the set flowing
with a style"). Ein fließendes Set beinhaltet Ups and Downs
in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Sounds.
Kai: Was ist deine Absicht,
abgesehen davon, die Leute in Trance bringen zu wollen. Was willst du
den Leuten geben?
Marc: Meine Absicht ist es,
innerhalb der Person des Tänzers eine Freiheit zu erzeugen, in
der er sich selbst ausdrücken kann und alle Beschränkungen
hinter sich lassen kann.
Kai: Gibt es etwas, das typisch
für eure Sets ist?
Marc: Bevor ich auf einem
Gig auflaufe, plane ich mein Set als solches nicht. Ich bin viel auf
Reisen und treffe viele Künstler aus diesem Bereich. Deswegen bekomme
ich dauernd neue Musik, und das einzige, was typisch für mich ist,
ist, das mein Set generell neu und qualitativ hochwertig ist; wenn ich
das mal so bescheiden sagen darf.
Peter: Auch ich spiele nie
ein vorarangiertes Set, aber ich kann garantieren, daß ich irgendwo
während einer Nacht gewiß zwei oder drei FullOn-Dance Tracks
spiele. Ich denke, das ist typisch für mich.
Kai: Was ist das Subsonic
Meltdown-Projekt?
Marc: Das Subsonic Meltdown-Projekt
wurde eines Nachts in England zusammen mit meinem Vater und einem Freund
geboren. Wir haben uns entschlossen, unsere Fähigkeiten und Talente
zusammenzubringen und eigene Parties zu veranstalten. Dieser Freund
hat eine sehr gute Light-Show auf die Beine gestellt und sehr intensiv
an Bildern und Hintergründen gearbeitet; die dazu gekommenen Projektionen
und Optikinetics machten zusammen eine beeindruckende Show. Ursprünglich
nannten wir unsere Parties The House Of Dreams". In den letzten
4 Jahren haben wir sechs solcher Parties gemacht und hatten so bemerkenswerte
Acts wie Total Eclipse, UX, Dino Psaras, Semsis, Sid Shanti, Cosmix,
etc., am Start.
Kai: Marc, du hast den basso
profundo"-Track mit Pete Martin (Slide) auf der Subsonic Meltdown-E.P.
und -CD gemacht. Im Moment arbeitest Du wieder mit ihm. Nach seiner
super-brillianten Confusional-State-E.P. auf Flying Rhino bin ich recht
gespannt, was da von euch beiden kommt ...
Marc: Ja, ich bin mit ihm
im Studio gewesen und unser Resultat ist ein Track mit einem tief-schwingenden
Beat und einem touch of darkness". Nächstes Jahr werden
wir noch viel mehr zusammen machen. Mehr möchte ich zu diesem Zeitpunkt
aber nicht sagen.
Kai: Die Psychedlic Trance
Geschichte war für eine lange Zeit eine Kultur des Untergrunds.
In den letzten drei/vier Jahren wurde es zu einem großen Teil
recht kommerziell. Was denkt ihr darüber und was ist eure Position
dazu?
Peter: Alle Pop-Musik-Kulturen
haben ihren Anfang im Underground; genau wie die Musik z.B., die wir
heute DixieLandJazz nennen. Sie begann in Trinkhäusern im Süden
der USA mit Instrumenten, die von den Bürgerkriegs-Armeen übergeblieben
waren. Was wir erlebt haben, war eine der größten Untergrundkulturen,
die die Welt je gesehen hat, und sie lebt noch immer in uns und unserer
Musik. Kommerzialisierung einer Untergrundkultur bedeuted letztlich
nur, daß es eine gute Kultur ist und mehr und mehr Leute einen
Eindruck davon gewinnen können. Es ist jedoch nie die eigene Schuld
einer Kultur, wenn sie kommerzialisiert wird.
Marc: Ich sehe das wie mein
Vater.
Kai: Ist es für euch
alles eine Drogengeschichte oder habt ihr eine poltische Message?
Marc: Es wäre dumm,
das Faktum nicht zu akzeptieren, daß Drogen eine große Rolle
in der DanceCulture spielen, obwohl mir der Gedanke gefällt, daß
die Musik die essentielle Droge sei. Meine poltische Message: "Make
love not war."
Peter: Das hat wiederum mit
der Sub-Kultur zu tun. Durch die verschiedenen Zeitalter hindurch haben
die meisten der kreativen Künstler nach Inspiration unter Zuhilfenahme
von Substanzen gesucht, über die die Mehrheit der Zeitgenossen
anders gedacht haben. Politik ist so eine Sache. Fast alle englischen
Label haben die Fight The Criminal Justice Bill"-Sticker
verteilt; ich persönlich gebe einen Scheiß auf Politik und
Politiker. Meine Message an jeden, für den ich spiele, ist grundsätzlicher:
Seid nett zueinander, habt Respekt voreinander und seid glücklich.
Kai: Meine letzte und liebste
Frage: Was denkt ihr über die Zukunft von Psychedlic Trance?
Marc: Die Zukunft hängt
sehr von den Leuten ab, die darin involviert sind; nur wenn Künstler,
Veranstalter und Party-People zusammen einen starken und positiven Vibe
aufbauen, wird es auch eine starke Zukunft für Psychedelic Trance
geben.
Peter: Die Zukunft von Psy-Trance
hängt sehr stark davon ab, wie hart wir alle daran arbeiten, es
am Leben zu erhalten und Energie darauf verwenden, neue und interessante
Sounds zu erschaffen, zu spielen und zu hören. Ich danke allen,
die viele tausende von Kilometern abreißen, um Parties zu unterstützen
und tanzen, bis die Socken durch sind und uns DJs damit ein gutes Gefühl
geben. Ich wünsche Euch allen das Beste für das letzte Jahr
des Jahrtausends