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DJ Alex
ODER: Wie wird man DJ Dragonfly

Text & Fotos: Kai Mathesdorf

Taken from mushroom magazine 1/99

 

Da gibt es doch einen jungen Burschen im Ruhrgebiet, der den Dragonfly-Schriftzug im Schilde führt. Warum macht er das und wer ist das und was macht er eigentlich sonst? Alex ist 27 Jahre alt und mittlerweile in heimischen Gefilden recht umtriebig. Doch das ändert sich gerade, denn man wird auch anderswo mehr und mehr auf ihn aufmerksam.

Kai: Wie bist Du zur Musik gekommen? Welchen musikalischen Hintergrund hast Du?

Alex: Angefangen hat wohl alles damit, daß ich Mel Sandoks Hitparade für meinen älteren Bruder aus dem Radio mitgeschnitten habe. So war ich schon recht früh mit den Charts vertraut. Dann kamen für mich die Doors und Led Zeppelin bis ich bei Punk und Wave gelandet bin. Meine frühe Jugend hab‘ ich auch größtenteils im Zwischenfall in Bochum verbracht. Mein Geschmack wurde durch diese „Schule" immer spezieller; die ersten Chill-Peppers-Sachen, Urban Dance Squad, Jane‘ Addiction. Nirvana nahm mir dann den Spaß an dieser Art von Musik; mit dem Medienhype Grunge konnte ich nicht soviel anfangen. Neujahr 92 landete ich frühmorgens irgendwo auf einer Techno-Party und war sofort begeistert. Ich organisierte mir erstmal ein paar alte pitchbare Plattenspieler und fing an, Platten zu kaufen. Eye Q, Harthouse und so Sachen. Der richtige Kick kam mit Genetic‘s „Transmission", die erste Dragonfly-12", die ich mir gekauft hatte. Diese Musik war anders als alles, was ich bis dahin gehört hatte, und ich wollte mehr davon - gab‘s aber nicht. So habe ich Trance eigentlich ersteinmal nur gesammelt. Als ich die Chance bekam, das Booking für‘s X-Ray zu machen, ging ich auf DJ Bim zu, und wir holten Dino Psaras erstmalig ins Ruhrgebiet. Für uns damals eine richtig große Sache - soo‘n DJ aus England. Der Club lief eine Weile recht gut, bis sich unsere Wege zunächst trennten. Da der coole Sound nur auf DAT erhältlich war, spielte ich zunächst Techno und House. Ein halbes Jahr später hat Bim mich durch ein 10(!)-stündiges Set im Tara so heftig geschickt, daß ich die ganze Nacht bis zum morgen durchtanzte. Danach wußte ich: dat isset, dat will ich auch.

Kai: Was ist Deine in Deinen Augen größte Stärke beim Auflegen?

Alex: Ich habe eine genaue Vorstellung vom musikalischen Aufbau einer Party und versuche, konzeptionel auf einer geraden Linie zu gehen. Wohin diese Linie letztendlich führt, hängt vom Publikum ab. Ich mag den unreleased- und wichtig-Hype nicht übermäßig und spiele Tracks, die mir gefallen ...

Kai: Du bist aber doch bekannt für Dein gutsortiertes DAT-Täschel ...

Alex: ...trotzdem verlasse ich mich in erster Linie auf mein Gefühl und mein Gespür für gute Musik. Es ist nicht wichtig, daß ein Track unreleased ist oder aus Neuguinea kommt; es ist wichtig, daß ein Track cool ist.

Kai: Deine Lieblingszeit zum Auflegen auf einer Party?

Alex: Am liebsten spiele ich am Anfang. Es ist für mich immer wieder eine Herausforderung, die Leute zum Tanzen zu bringen. Dabei bemühe ich mich um einen spannenden Bogen, der bei Ambient-Sounds beginnt und über progressivere Sachen zum FullOn führt.

Kai: Und was ist Deine Intention? Was willst Du den Leuten mit auf den Weg geben?

Alex: Ich möchte den Leuten eine gute Party geben, in der sie etwas spannendes, nichtalltägliches erleben können, wenn sie sich darauf einlassen. Von der positiven Energie einer guten Party kann man lange zehren und manchmal auch etwas in den Alltag mitnehmen.

Kai: Siehst Du Dein Tun „just for fun" oder hast Du eine politische Vision? Ein DJ hat nach meiner Definition auch eine Menge soziologische und soziale Funktionen. Wir beackern hier gemeinsam ein Feld, das außerhalb gesellschaftlicher Konventionen verläuft, und dem DJ kommt dabei eine Schlüsselpostion zu.

Alex: Da ich privat und beruflich mit der Sache verbunden bin, ist es mehr als „just for fun" - aber ich bin nicht jemand, der mit seinem Tun ein großes Sendungsbewußtsein verbindet. Ich bin DJ und kein Politiker.

Kai: Wie siehst Du das Verhältnis zwischen Psychedelic Trance als Untergrundkultur und seiner Kommerzialisierung?

Alex: Eine etwas schwierige Frage, denn wo fängt Kommerzialität an und wo auf? Ist es nicht schon kommerziell, eine Platte zu verkaufen? Psy-Trance ist und wird immer Underground bleiben. Dennoch denke ich, daß ein „kommerzieller" Schub der Szene gut täte. Es gibt einige Leute, die stecken sehr viel Zeit und Energie und oft auch eine Menge Geld in diese Sache. Auch für diese Leute hat der Tag nur 24 Stunden, und auch diese Leute haben Rechnungen zu begleichen. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand von Psy-Trance leben kann. Ganz im Gegenteil.

Kai: Wie wird man eigentlich Dragonfly-DJ?

Alex: Man muß zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.

Kai: Könntest Du das vielleicht doch etwas präzisieren?

Alex: Letztes Jahr war ich beruflich im Dragonfly-Office in London und traf dort auf Youth und Darren Stubbs, der damals übrigens seinen ersten Tag als Label-Manager hatte. Sie erzählten mir, daß sie auf der Suche nach geeigneten Label-DJs wären. Da habe ich ihnen die von mir gemixte „Pulse Vol. 5" in die Hand gedrückt, und einige Zeit später kam das „Go for it". Es ist ein Vertrauensbeweis und für mich sicher auch eine Verpflichtung in Hinblick auf das Bestmögliche.

Kai: Worin liegt Deine Funktion bei Novatekk?

Alex: Bei Novatekk arbeite ich als A&R, als Compiler und betreue die hauseigenen Label „Naja" und „Mash".

Kai: Diese beiden Label sind Vinyl-Label. Worin unterscheiden sie sich und worin liegt ihr Konzept?

Alex: Auf Naja-Records bemühen wir uns um groovige, progressive Sachen. Gutes DJ-Futter eben. Auf Mash werden Tracks veröffentlicht, die wir für unsere CD-Compilations eingekauft haben und denen wir ein gewisses Vinyl-Potential zutrauen.

Kai: Was ist bei Novatekk an Releases für die nächste Zeit am Start?

Alex: Als nächstes wird das neue Album von SUN-Project bei uns veröffentlicht. Dazu gibt‘s im Vorfeld eine Maxi-Auskopplung mit einem Track, der nicht auf dem Album sein wird. Neue Acts für Naja werden „Slap", die „Disco Slickers" und „Ouija". Eine Label-Compilation ist auch geplant. Ich arbeite gerade an „Alien Airport"; eine Compilation mit einer zeitgemäßen Chill-Out sowie einer schnelleren CD.

Kai: Welche Musiker/Label findest Du im Moment am spannendsten?

Alex: Die Entwicklung der ganzen Trance-Geschichte ist zur Zeit recht spannend. Auf der einen Seite lassen immer mehr Label und Leute den Kopf hängen, kehren dem Psy-Trance den Rücken zu. Andererseits gibt‘s so mutige Vereine wie Novatekk, Aurinko und Medium, die trotz der schlechten Marktlage an die Musik glauben. Ich erwähne das nicht, weil es meine Ruhrgebiets-Brüder sind, sondern weil von da wirklich sehr viel gute Musik kommt. Tim‘s neue Sachen z.B. sind mehr als korrekt. Auch Spiral Trax aus Schweden sind in Zukunft für eine Überraschung gut. An englischen Sachen finde ich Atomic und natürlich Dragonfly sehr spannend und auch Twisted. Da werden richtig coole Sachen erscheinen.

Kai: Was erwartest Du für die Zukunft von Trance?

Alex: Ich fände es klasse, wenn Trance als Filmmusik und für Computerspiele benutzt würde. Ich halte diese Verbindung für sehr geeignet. Generell hoffe ich, daß das Miteinander in der Szene wieder größer geschrieben wird und daß man wieder freundlicher miteinander umgeht