
mai 5
DJ Alex
ODER: Wie wird man DJ Dragonfly
Text & Fotos: Kai Mathesdorf
Taken from mushroom magazine 1/99
Da gibt es doch einen jungen Burschen
im Ruhrgebiet, der den Dragonfly-Schriftzug
im Schilde führt. Warum macht er das und wer ist das und was macht
er eigentlich sonst? Alex ist 27 Jahre alt und mittlerweile in heimischen
Gefilden recht umtriebig. Doch das ändert sich gerade, denn man
wird auch anderswo mehr und mehr auf ihn aufmerksam.
Kai: Wie bist Du zur Musik
gekommen? Welchen musikalischen Hintergrund hast Du?
Alex: Angefangen hat wohl
alles damit, daß ich Mel Sandoks Hitparade für meinen älteren
Bruder aus dem Radio mitgeschnitten habe. So war ich schon recht früh
mit den Charts vertraut. Dann kamen für mich die Doors und Led
Zeppelin bis ich bei Punk und Wave gelandet bin. Meine frühe Jugend
hab ich auch größtenteils im Zwischenfall in Bochum
verbracht. Mein Geschmack wurde durch diese Schule" immer
spezieller; die ersten Chill-Peppers-Sachen, Urban Dance Squad, Jane
Addiction. Nirvana nahm mir dann den Spaß an dieser Art von Musik;
mit dem Medienhype Grunge konnte ich nicht soviel anfangen. Neujahr
92 landete ich frühmorgens irgendwo auf einer Techno-Party und
war sofort begeistert. Ich organisierte mir erstmal ein paar alte pitchbare
Plattenspieler und fing an, Platten zu kaufen. Eye Q, Harthouse und
so Sachen. Der richtige Kick kam mit Genetics Transmission",
die erste Dragonfly-12", die ich mir gekauft hatte. Diese Musik
war anders als alles, was ich bis dahin gehört hatte, und ich wollte
mehr davon - gabs aber nicht. So habe ich Trance eigentlich ersteinmal
nur gesammelt. Als ich die Chance bekam, das Booking fürs
X-Ray zu machen, ging ich auf DJ Bim zu, und wir holten Dino Psaras
erstmalig ins Ruhrgebiet. Für uns damals eine richtig große
Sache - soon DJ aus England. Der Club lief eine Weile recht gut,
bis sich unsere Wege zunächst trennten. Da der coole Sound nur
auf DAT erhältlich war, spielte ich zunächst Techno und House.
Ein halbes Jahr später hat Bim mich durch ein 10(!)-stündiges
Set im Tara so heftig geschickt, daß ich die ganze Nacht bis zum
morgen durchtanzte. Danach wußte ich: dat isset, dat will ich
auch.
Kai: Was ist Deine in Deinen
Augen größte Stärke beim Auflegen?
Alex: Ich habe eine genaue
Vorstellung vom musikalischen Aufbau einer Party und versuche, konzeptionel
auf einer geraden Linie zu gehen. Wohin diese Linie letztendlich führt,
hängt vom Publikum ab. Ich mag den unreleased- und wichtig-Hype
nicht übermäßig und spiele Tracks, die mir gefallen
...
Kai: Du bist aber doch bekannt
für Dein gutsortiertes DAT-Täschel ...

Alex: ...trotzdem verlasse
ich mich in erster Linie auf mein Gefühl und mein
Gespür für gute Musik. Es ist nicht wichtig, daß ein
Track unreleased ist oder aus Neuguinea kommt; es ist wichtig, daß
ein Track cool ist.
Kai: Deine Lieblingszeit
zum Auflegen auf einer Party?
Alex: Am liebsten spiele
ich am Anfang. Es ist für mich immer wieder eine
Herausforderung, die Leute zum Tanzen zu bringen. Dabei bemühe
ich mich um einen spannenden Bogen, der bei Ambient-Sounds beginnt und
über progressivere Sachen zum FullOn führt.
Kai: Und was ist Deine Intention?
Was willst Du den Leuten mit auf den Weg geben?
Alex: Ich möchte den
Leuten eine gute Party geben, in der sie etwas spannendes, nichtalltägliches
erleben können, wenn sie sich darauf einlassen. Von der positiven
Energie einer guten Party kann man lange zehren und manchmal auch etwas
in den Alltag mitnehmen.
Kai: Siehst Du Dein Tun just
for fun" oder hast Du eine politische Vision?
Ein DJ hat nach meiner Definition auch eine Menge soziologische und
soziale Funktionen. Wir beackern hier gemeinsam ein Feld, das außerhalb
gesellschaftlicher Konventionen verläuft, und dem DJ kommt dabei
eine Schlüsselpostion zu.
Alex: Da ich privat und
beruflich mit der Sache verbunden bin, ist es mehr als just for
fun" - aber ich bin nicht jemand, der mit seinem Tun ein großes
Sendungsbewußtsein verbindet. Ich bin DJ und kein Politiker.
Kai: Wie siehst Du das Verhältnis
zwischen Psychedelic Trance als Untergrundkultur und seiner Kommerzialisierung?

Alex: Eine etwas schwierige
Frage, denn wo fängt Kommerzialität an und wo auf? Ist es
nicht schon kommerziell, eine Platte zu verkaufen? Psy-Trance ist und
wird immer Underground bleiben. Dennoch denke ich, daß ein kommerzieller"
Schub der Szene gut täte. Es gibt einige Leute, die stecken sehr
viel Zeit und Energie und oft auch eine Menge Geld in diese Sache. Auch
für diese Leute hat der Tag nur 24 Stunden, und auch diese Leute
haben Rechnungen zu begleichen. Ich habe kein Problem damit, wenn jemand
von Psy-Trance leben kann. Ganz im Gegenteil.
Kai: Wie wird man eigentlich
Dragonfly-DJ?
Alex: Man muß zur richtigen
Zeit am richtigen Ort sein.
Kai: Könntest Du das
vielleicht doch etwas präzisieren?
Alex: Letztes Jahr war ich
beruflich im Dragonfly-Office in London und traf dort auf Youth und
Darren Stubbs, der damals übrigens seinen ersten Tag als Label-Manager
hatte. Sie erzählten mir, daß sie auf der Suche nach geeigneten
Label-DJs wären. Da habe ich ihnen die von mir gemixte Pulse
Vol. 5" in die Hand gedrückt, und einige Zeit später
kam das Go for it". Es ist ein Vertrauensbeweis und für
mich sicher auch eine Verpflichtung in Hinblick auf das Bestmögliche.
Kai: Worin liegt Deine Funktion
bei Novatekk?
Alex: Bei Novatekk arbeite
ich als A&R, als Compiler und betreue die hauseigenen
Label Naja" und Mash".
Kai: Diese beiden Label sind
Vinyl-Label. Worin unterscheiden sie sich und worin liegt ihr Konzept?
Alex: Auf Naja-Records bemühen
wir uns um groovige, progressive Sachen. Gutes DJ-Futter eben. Auf Mash
werden Tracks veröffentlicht, die wir für unsere CD-Compilations
eingekauft haben und denen wir ein gewisses Vinyl-Potential zutrauen.
Kai: Was ist bei Novatekk
an Releases für die nächste Zeit am Start?
Alex: Als nächstes wird
das neue Album von SUN-Project bei uns veröffentlicht. Dazu gibts
im Vorfeld eine Maxi-Auskopplung mit einem Track, der nicht auf dem
Album sein wird. Neue Acts für Naja werden Slap", die
Disco Slickers" und Ouija". Eine Label-Compilation
ist auch geplant. Ich arbeite gerade an Alien Airport"; eine
Compilation mit einer zeitgemäßen Chill-Out sowie einer schnelleren
CD.
Kai: Welche Musiker/Label
findest Du im Moment am spannendsten?

Alex: Die Entwicklung der
ganzen Trance-Geschichte ist zur Zeit recht spannend. Auf der einen
Seite lassen immer mehr Label und Leute den Kopf hängen, kehren
dem Psy-Trance den Rücken zu. Andererseits gibts so mutige
Vereine wie Novatekk, Aurinko und Medium, die trotz der schlechten Marktlage
an die Musik glauben. Ich erwähne das nicht, weil es meine Ruhrgebiets-Brüder
sind, sondern weil von da wirklich sehr viel gute Musik kommt. Tims
neue Sachen z.B. sind mehr als korrekt. Auch Spiral Trax aus Schweden
sind in Zukunft für eine Überraschung gut. An englischen Sachen
finde ich Atomic und natürlich Dragonfly sehr spannend und auch
Twisted. Da werden richtig coole Sachen erscheinen.
Kai: Was erwartest Du für
die Zukunft von Trance?
Alex: Ich fände es klasse,
wenn Trance als Filmmusik und für Computerspiele benutzt würde.
Ich halte diese Verbindung für sehr geeignet. Generell hoffe ich,
daß das Miteinander in der Szene wieder größer geschrieben
wird und daß man wieder freundlicher miteinander umgeht