
april 25
Cosmix
Mixmeister
(taken from: mushroom magazine 06/98)
Text & Fotos: Kai Mathesdorf
Kurzfristig war alles arrangiert
worden, und wie es immer so seine Art ist, hat Herr Mathesdorf mal wieder
versucht, zu vieles unter einen Hut zu bekommen und demzufolge Cosmix
zum Interview ersteinmal versetzt. Diese Respektlosigkeit trieb graue
Wolken des Grolls auf die hohe Stirn des Meisters, und er quittierte
meinen späten Auftritt mit unverständigem Kopfschütteln.
Der Mann weiß, was er will, und das wollte er nicht. Und nach
seinem Set auf der Spheres-Party von FreeForm müde und ausgepowert
wollte er schon gar nicht von mir behelligt werden. Mit ein wenig Diplomatie
lies sich der Elder Staatesman des psychedelischen Trance aber dann
doch erweichen, und es wurde trotz der Uhrzeit ein flüssiges (und
angenehmes) Gespräch.
Kai: Den Anfang machst
du. Bitte einen kurzen Aufriß zu deiner Geschichte.
Cosmix: Ich war 90/91
das erstemal in Goa während meiner Reisen durch Asien. Ich hab
in Frankfurt gewohnt und war damals Foto-Assistent bei verschiedenen
Fotografen. Fällt mir gerade so ein, wo ich dich hier sehe. In
Goa habe ich das erstemal mit Techno, bzw. New Beat und EBM zu tun gehabt.
Ich habe sofort die Energien gespürt und gemerkt, daß da
was ist, was kommt.
Kai: Die Techno-Zündung
also erst in Goa und davor nix?

Cosmix: Null, noch nicht
mal gehört. Nein, wirklich in Goa. Davor hatte ich nichts damit
zu tun und es vielleicht auch gar nicht verstanden, wenn ich es nicht
dort gesehen hätte, mit diesen Leuten in dieser Atmosphäre.
Ich war bis dahin, was meinen Musikkonsum anging, schon Dancefloor-orientiert,
aber Techno war ganz neu für mich. Ich kam von der Reise zurück
und habe gemerkt, daß FFM durchaus die richtige Stadt für
mich war, um mein Interesse an der Musik zu sättigen, die Musik
zu finden und um mitzubekommen, wie solche Musik produziert wird. Ich
fing an, Technoplatten zu kaufen, schon
mit dem Goa-Sound im Ohr, schon psychedelisch, bischen strange, aber
nicht mit dem Gedanken, DJ zu werden. Die Platten machen aber eigentlich
keinen Sinn, wenn man sie nicht zusammensetzt. Diese Erkenntnis kam
mit der Zeit, und so habe ich mir Mixer und zwei Plattenspieler gekauft
und dann relativ schnell verstanden, wie man mixt.
Kai: Das hast du dir
selbst beigebracht?
Cosmix: Und dann aus
Spaß Tapes gemacht. Die nannte ich "COSMIX". Ein Freund
hat damals ein kleines Open Air im Wald gemacht und mich gebeten, da
aufzulegen. Und auf dem Flyer stand "Sound By Cosmix". So
schnell geht das mit dem Namen. Es kamen viel mehr Leute als geplant;
auch viele Leute aus dem Kölner Raum waren da. Jeder sprach von
dieser Party, und sofort ging das los mit weiteren Bookings, und so
habe ich gelernt, aufzulegen. Weil mixen können und auflegen können
sind zweierlei Ding. Mir kam sehr zugute, daß ich früher
Schlagzeug gespielt habe mit Bands und auch auf Konzerten. Damit war
das mit dem Rhythmus und dem Zählen kein Ding und drin bei mir.
Dann kam die Loveparade 93, eine sehr schöne Loveparade. Ich war
auf einer Goa-Party und hatte nur ein paar Scheiben, so etwa 15 Stück,
dabei. Die kamen sehr gut an; auch, weil die Leute das mit dem Mixen
gar nicht so kannten. Ich habe da eine softere, mystische Schiene gefahren.
Von da an ging es Schlag auf Schlag; ich habe ständig Bookings
bekommen und zeitgleich ging der Goa-Party-Boom los. Der Unterschied
zu den anderen DJs war halt, daß ich mit Platten aufgelegt habe
und nicht mit DATs. Die Leute haben den Fluß genossen. Die Bookings
rissen nicht ab und so bin ich DJ geworden und bis heute geblieben.
Ich bin dann vor zwei Jahren wieder nach Hause an den Bodensee gezogen,
weil ich Lust auf Natur und die schöne Umgebung hatte und nicht
mehr in der Stadt wohnen wollte.
Kai: Wie alt bist du
jetzt?

Cosmix: 37, die Jahre
verflogen, die Zeit läuft schnell.
Kai: Ich bin inzwischen
auch schon 32, aber ich muß sagen, daß ich immer mehr zufrieden
bin mit dem was ich mache und wie sich alles entwickelt...
Cosmix: Das sehe ich
auch so. Früher war ich auf Reisen und war immer auf der Suche
nach dem Ding für mich und es war gar nicht so leicht; habe übrigens
auch ein bischen fotografiert, aber im Grunde war immer Musik meine
größte Leidenschaft, sei es durch Konsum, Hören oder
Schlagzeug spielen. Von daher kam das Ding mit dem Auflegen schon sehr
gut für mich. Es gab zwar auch Momente, wo du dich fragst, was
machst du da, wo geht das hin, was passiert überhaupt mit der Szene,
was bewegst du, wo bewegst du die Leute hin. Es spielen ja auch Substanzen
eine Rolle, die zum Teil unkontrolliert genommen werden; man macht sich
schon seine Gedanken. Die Musik ist für mich auch so eine Art Droge
geworden, es kickt halt.
Kai: Dein musikalischer
Background?
Cosmix: Ich habe immer
alle Sparten der Popmusik gehört, auch Reggae und Jazz-Rock; aber
meine eigentliche Musik war Funk und Soul, schwarze Musik. Ich glaube
auch, daß es heute wieder mehr zu funkiger, schwarzer Musik hingeht.
Intelligent eingesetzte Vocals werden auch wieder kommen, keine Kitschstrophen
natürlich, aber einfach mehr Leben, mehr Organisches. Weg von der
maschinellen Musik. Das ist ja auch das Schöne: man ist am Nabel
der Zeit der Tanzmusik. Die große Chance des Techno ist, die Elemente
zusammenzubringen, frühe Elemente wie Ethno, Tribal, Rhythmus,
was immer schon da war, als auch z.B. schwarzen Groove und Jazz. Es
war nie langweilig und wird auch immer spannend bleiben.Letztes Jahr
gab es mal so ne Phase, wo man nicht wußte, wo es hingeht.
Das Goa-Ding war etwas ausgereizt, die Leute waren müde davon,
es ging mehr zu progressiver Musik.
Kai: Es gibt im Moment
sehr unterschiedliche Stile; mehr reduzierte Sachen, technoiden Kram
und dann so super kickendes Zeug, wie z.B von Matsuri. Es driftet völlig
auseinander, und das finde ich auch sehr gut so und sehr spannend. Ich
finde es auch gut, wenn DJs das sinnvoll zusammenbringen können,
wenn so ein Fusions-Charakter entsteht.

Cosmix: Ganz genau. Ist
auch mein Ziel, wenn ich auflege. Ich will schon versuchen, die verschiedenen
Platten, die ich dabei habe, so zusammenzubringen, daß sie wie
aus einem Guß klingen. Das ist das Schwierige, gerade auf Open
Air-Parties.
Kai: Du hast drei Musik-Projekte
gemacht, mit X-Dream, Etnica und Kristian. Das ist beständig, denn
die Geschichte mit X-Dream ist schon relativ alt. Du machst das recht
lange schon und auch recht spannend, aber doch nicht so intensiv. Wieso?
Cosmix: Ich war lange
in Frankfurt und da war niemand, mit dem ich hätte warm werden
können oder der auf mich zukam. Ich war immer auf Leute angewiesen,
zu denen ich hingehen und dort bleiben mußte. So blieb ich immer
auf der Suche nach einem geeigneten Produzenten und meinte auch, jemanden
gefunden zu haben. Da am Bodensee ja nicht soviele Jungs leben, die
aus dem Goa-Trance-Bereich kommen, ist das nicht ganz einfach. Ich habe
einen Techno-, Commercial-Techno-Produzenten kennengelernt, der auch
sehr begabt ist, aber das Ding halt gar nicht so kennt und auch zuwenig
Zeit mitbringt. Ich habe jetzt zwei Tracks mit ihm gemacht, die noch
nicht für mich zufiedenstellend sind. Ich bin nun soweit, mir bis
Ende des Jahres eigene Geräte zu kaufen. Ich hoffe, es gelingt
es mir, jemanden an den Bodensee zu locken, der mit mir produzieren
mag, vielleicht ja durch dieses Interview. Ich bin gewillt, die Sache
in die Hand zu nehmen; es brennt mir unter den Nägeln. Ich werde
das selbst finanzieren, oder einen Sponsor finden...
Kai: ...von der Oma,
oder was?
Cosmix: (lacht) ... es
wird klappen! Es st eine fantastische Gegend da unten; arbeiten kann
man da wunderbar. Ich bin jetzt gerade im Studio mit Tarsis. Es wird
wahrscheinlich eine E.P. werden für Spirit Zone. Mal schauen, was
dabei herauskommt, und danach soll ich Remixe machen von Greatful Dead.
Das finde ich sehr interessant. Bei Rough Trade habe ich eine Amerikanerin
kennengelernt, die Suzie, die schon lange den Traum hat, Greatful Dead
und Goa-Trance-Movement zu verbinden. Da habe ich schon Lust dazu. Vielleicht
mache ich ja auch noch einen Track für die Deck-Wizard-Compilation.
Kai: Ich habe gehört,
daß du das diesesmal machst. Wann kommt die?
Cosmix: Ich soll sie bis Ende
Sommer fertig haben und sie wird im Herbst rauskommen. Ich suche dafür
noch vier unreleased Tracks. Auch da würde ich mich freuen, wenn
sich über dieses Inteview Künstler angesprochen fühlen,
mir Material zu schicken. Es wird ein gemixtes CD-Album; einige und
alle unreleased Tracks der CD erscheinen auch ungemixt auf Doppelvinyl.
Kai: Spannende Sache,
wie bist Du daran gekommen?
Cosmix: Ich kenne den
John von Phantasm Records von Parties in der Schweiz und in London,
wo er mich hat auflegen hören. Er wollte das schon
länger, und nun ist es soweit.
Kai: Das ist doch nett,
sowas. Man ist ja auch ein bischen eitel und da hat man mal ein richtig
großes Tablett...
Cosmix: Schöne Sache;
bin ich stolz drauf, klar. Die Deck-Wizard-Compilations sind weltweit
am Start und werden überall verkauft.
Kai: Wie siehst Du dein
musikalisches Ziel; das, was du willst, was du machst? Wo willst du
hin?

Cosmix: Wenn ich richtig
warm bin und die Leute habe, dann ist meine Musik eine Mischung aus
groovy, tribal, mystisch, Voodoo-like, Rhythmuselemente. Es ist schwierig,
das zu definieren. Freundlichen Trance kann man bei mir natürlich
auch stehenlassen. Ich lege fast immer morgens auf und versuche, das
Nachtprogramm immer etwas auszugleichen, ein runderes musikalisches
Bild zu erzeugen äh, zu leisten, äh... (lacht)...
Kai: Ja ja, es ist schon
spät, und ich weiß, wer das zu verantworten hat.
Cosmix: Ich hoffe, Du
hast mich verstanden.
Kai: Doch, doch, noch
gehts. Letzter Punkt: Earthdance. Die Geschichte ist mit auf deinem
Mist gewachsen.
Cosmix: Ich habe auf
einer RttS-Party Chris Dekker kennengelernt, und er hat mir von seiner
Absicht erzählt und mich gefragt, ob ich das in Deutschland in
die Wege leiten möchte. Ich habe im Ruhrgebiet einen Partner, den
Ansgar, mit dem ich auch andere Sachen zusammen mache, und wir haben
beschlossen, den Sven von Shroomtown dazu zu nehmen, weil man für
so eine große Sache doch ein Team sein muß. Bei mir lag
die Verantwortung für die DJs und die Musiker. War eine klasse
Sache. Ich habe Dr. Palden kenengelernt, den tibetanischen Arzt, der
das Waisenhausprojekt betreut. Wir haben mit den Londonern gesprochen,
daß wir das Geld nicht in irgendeinen Topf geben wollten, sondern
direkt für den Aufbau des Waisenhauses. Eine sehr befriedigende
Sache; dann lohnt die ganze Mühe. Die Geschichte geht weiter, das
ist klar, und man macht sich Gedanken, wer oder was im nächsten
Jahr unterstützt werden soll. Der aktuelle Stand ist, daß
jedes Land selbst entscheidet, an welches Projekt das Geld fällt,
und wir sind noch offen für entsprechede Vorschläge. Ich bin
dabei, das Line-Up fertig zu machen, und die nächste Earthdance
wird mit großer Wahrscheinlichkeit im Ruhrgebiet stattfinden,
also immer wieder woanders. Das Datum steht auch fest: der 10. 10. wird
es sein. Das Konzept auf der Party umfaßt wieder ausschließlich
deutsche DJs und Nachwuchskünstler. Ich will den Earthdance auch
für den Nachwuchs nutzen. Der Einstieg als DJ ist im Moment ohnehin
wirklich schwierig.