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june 97
YELLO
Festplattenphonetic & Klangepen
Hamburg, germany
Interview:
YELLO
Text: Carsten Claus
Schon einmal formulierte ich die Zeile "getrennt marschieren, vereint modulieren". Was damals auf die Arbeitsweise von Hardfloor gemünzt war, trifft in gewisser Weise auch auf Yello zu. Mit dem feinen Unterschied, daß der eine, Boris Blank, tageweiser Studio-Eremit ist, der andere, Dieter Meier, eher losgleöster Weltenbummler, der sporadisch aber spannend seine Phonetik gigabyteweise durch den Wandler röhrt. Seit nunmehr siebzehn Jahren sind die beiden munter dabei (immer wieder rutscht einem in Momenten der Verzückung das altbekannte "Oh Yeah" über die Lippen) und liefern nicht nur in regelmäßigen Abständen bewegende Alben ab, sondern auch faustdicke Überraschungen. Elektronische Musik (-entwicklung) ohne Yello? Nicht denkbar. Dieses wird ihnen auch immer wieder von Nachgerückten bestätigt, und wer einmal die monströsen Klangdolomiten des Schweizers Boris Blank gehört hat, der ist auf immer und ewig verloren - vielleicht auch in dessen "Pocket Universe".
Pilz: Was mir auffiel, keinesfalls als Kritik gemeint, ist, daß gewisse Elemente auftauchen, die man auch schon von anderen Yello- Stücken kennt. So erinnert mich beispielsweise "Celsius" ein wenig an "Drive/Driven" (Album "Baby" 1991).
Boris: Die Sounds sicher nicht. Daß sich unterbewußt gewisse Stimmungen repitieren, in den siebzehn Jahren, in denen es Yello nun schon gibt, das kann durchaus sein. Das ist ja sicher auch das signifikante an dem Gesicht von Yello, daß es mit den Jahren immer so geblieben ist. Klar wird man älter und wächst mit diesem Gesicht, aber wir haben eigentlich immer dasselbe behalten, haben uns nicht künstlich oder chirurgisch geändert, wie das beispielsweise David Bowie macht, der mit jedem zweiten Jahr, in dem er etwas neues macht, wie ein Chamäleon völlig anders ist - was sein Konzept ist, was ich auch gut finde. Aber Yello ist sich da immer treu geblieben.
Pilz: Das ist bei Euch sicher der Fall, wobei man bei Bowie aber nachwievor hört, daß er es ist ... zumindest, wenn er singt.
Boris: Ganz klar, an seiner Stimme, ganz bestimmt.
Pilz: Euer neues Werk ist ja sehr clubbig geworden. Bist Du viel unterwegs oder woher kommt die Intention hierfür. Wie ich hörte, beziehst Du viel über eine Radiosendung.
Boris: Ich bin nicht sehr viel unterwegs, doch in der französischsprachigen Schweiz gibt es einen Radiosender Namens "Couleur Trois". Immer, wenn ich im Auto bin, höre ich diesen Sender, weil er meiner Meinung nach der beste in Europa ist. Die sind echt mutig, die spielen Underground .... die spielen wirklich alles, was dem Teufel auf den Wagen gefallen ist. Und das ist klar, daß mich das unterbewußt auch ein bischen beeinflußt, da ich ja nicht auf dem Mond lebe und eben unterbewußt solche Einflüsse und Inspirationen entgegenehme. Das färbt natürlich auch die Musik, die ich mache. Ich glaube auch, daß es auf der Straße, auf der sich Yello seit siebzehn Jahren befindet, schon immer wieder Nebenpfade gab, die in Richtung lateinamerikanische Rhytmen, vielleicht sogar mal Tango oder Cha Cha gingen. Es ist uns immer freigeblieben, was wir machen wollten. Vielleicht nicht in der Form, wie die das machen. Das könnte und wollte ich gar nicht. Aber sicher gibt es ein paar Elemente, die da eingebaut wurden, welche an DrumīnīBass, House oder wie auch immer erinnern können. Aber wichtig ist es doch, daß Yello die Signifikanz und die Charakteristik eigentlich nie verloren hat und ich glaube, auch auf dieser Platte ist es sehr typisch zu hören, daß es immer noch Yello ist.
Pilz: Du betonst auch "diese Platte". In einem anderen Interview hörte ich Dieter Meier sagen, daß Du bisher immer eine Art Klanggemälde abgeliefert hast und jetzt hättest Du Klankkleckse auch einfach einmal so stehen gelassen, also rohere Elemente verwendet. Wie ist das genau gemeint?
Boris: Am Anfang mit der ersten Platte "Solid Pleasure", wo ja auch "Bostich" drauf war, haben wir genauso gearbeitet, wie ich es auch heute wieder mache. Auf den letzten Platten waren verstärkt Sachen drauf, die sehr songorientiert waren und popelektronisch daherkamen, sich klassische Songstrukturen wie Refrain, Vers wiederholten. Auf dieser Platte nun ist das gesamte Klanggebäude wieder so bestückt, daß Dieter Meiers Stimme eher als Ornament eingesetzt wurde, statt als eine tragende, balladenhafte Stimme. Am Anfang, bei den ersten zwei, drei Platten hatte es unheimlich Spaß gemacht mal nur mit Wortlauten, mit der Phonetik der Stimme den Rhythmus zu untermalen. Das ist in der Zukunft eher der Weg. Es kann sein, daß wir in den letzten vier, fünf Jahren zu stark auf Abwegen in Richtung von Songs, vielleicht auch von radiokonformen Sachen experimentiert haben, was ich in Zukunft eher wieder in den experimentellen, mentalen Bereich führen möchte. Mit viel Freude, mit viel Spontanität, ohne zu denken: "Spielt das jemand, ist das wohl...", wie am Anfang wieder mit viel Freude daranzugehen, nicht nach zwei, drei Minuten aufzuhören und etwas neues anzufangen, sondern es, wenn es mal fließt, fließen und sich entwickeln lassen. Das macht doch viel mehr Spaß, so bin ich viel schneller mit dem Arbeiten, da ist die Kreativität viel interessanter. Nicht daß der Unterschied so fatal wäre, aber die Neigung ist auf der neuen Platte ganz bestimmt wieder eher Richtung alte Zeiten.
Pilz: Da sind mir am ehesten diese monströsen Stücke in Erinnerung, wie z.B. "Sweet Thunder".
Boris: Ja, das mag ich auch sehr. Ich denke, daß solche Stücke wieder mehr Platz haben müssen - ganz bestimmt. Wenn ich die Zeit dazu finde, möchte ich eine Platte nur mit solchen Sachen machen, solche Gefilde und atmosphärischen Tracks. Das möchte ich sehr gerne einmal verwirklichen, aber die Zeit ist bisher nie vorhanden gewesen. Es gibt sehr viele Freunde und Leute, die mich anfragen "Jetzt mach' doch mal eine Platte mit lauter Sachen wie "Sweet Thunder", da bist Du drin und fühlst Dich wohl".
Pilz: Da warte ich auch schon seit fünf Jahren drauf.
Boris: Siehst Du, das ist eine Marktlücke. Daß wir das noch nicht gemacht haben, ist eigentlich sehr schade.
Pilz: Bei dem Thema Spaß: das scheint ja auch andere anzustecken. Ich meine damit Gigi Galaxy von Teknotika, der ja das Stück "The Spirit Of Boris Blank" gemacht hat und dessen größter Wunsch es war, Dir würde diese Platte zukommen. Hat ja schließlich geklappt und er war völlig aus dem Häuschen. Wie reagierst Du auf derartige Tribute?
Boris: Das hat mich natürlich sehr gefreut und immer wieder freut es mich, wenn ich Leute wie Westbam oder Jam & Spoon treffe und die mir sagen: "Weißt Du, wieviel Einfluß Du auf uns ausgeübt hast?!". Das macht mich im ersten Moment verlegen, aber wenn ich das zehnmal höre denke ich, da wird was dran sein. Ich war auch jüngst in England bei "Fat Cat". Die haben immer die neuesten Scheiben, die wegweisend in der englischen Szene sind. Einem Mitarbeiter, der damals Engineer gemacht hat, habe ich gesagt, daß ich ein Riesen-Fan von "Cabaret Voltaire" gewesen sei. Der meinte dann "Ich kenn doch den und den, der hat immer gesagt, Yello, die sind für mich die größten, eines Tages werden wir auch so groß sein wie die und auch solche Musik machen". Es ist sehr lustig, wie man überrascht sein kann, wenn man einen Pop-Star, den man immer in der Zeitung sieht, kennenlernt und merkt, daß er ein völlig normaler Mensch ist.
Pilz: Kriegst Du auch selber viele Platten aus diesem Bereich, Leute, die Dir mal eine CD oder Platte in die Hand drücken?
Boris: Weniger, aber ich habe da gute Leute. Ein Bekannter, der in Zürich für die Polygram arbeitet, der ist schon mit allen Wassern gewaschen, der kennt alles. Der wird bemustert, weil er auch zusammen mit Arnold Meier die "Energy" in Zürich und die ganzen Parties gemacht hat und in der Schweiz sehr populär ist. Der bekommt jede Woche 500 CDs und Vinyls, das kann man schon gar nicht mehr hören. Der pickt das wesentliche raus und sagt "Boris, das mußt Du mal anhören". Und ich habe kaum Zeit, ich arbeite den ganzen Tag, abends möchte ich ein bischen Ruhe haben. Es kommt daher selten vor, daß ich ein Wochenende richtig Lust habe, aber dann knalle ich mir die Kopfhörer rüber und höre es volle Pulle an. Es ist da wohl auch wie im Film und in der Literatur, daß 90% wirklich Ramsch ist. Da gibtīs so viel, wo man sagen muß, das ist doch schade...um....
Pilz: ..ums Vinyl?
Boris: Genau, das kann man wirklich sagen, ohne jemanden zu kränken. Sonst höre ich eben sehr gerne dieses Radio, wenn ich im Auto sitze. Das ist zu Teil so verträumt und so hart, all diese Sachen, die man heute hört. s etwas wie "Lamb", die man ein halbes Jahr später überall hört, das spielen die dann schon nicht mehr. Die sind immer sehr avantgarde. Da kann man sehr gut für sich selber hören, was denn tendenziell kommerziell werden könnte. Ich mache oft Wetten mit meiner Frau, wo ich sage "Das wird ganz bestimmt greifen!" und zwei, drei Monate später ist es so.
Pilz: Wenn Du schließlich die ganze Zeit im Studio sitzt, kommt Dieter Meier erst hinzu, wenn alles fertig ist, wird er quasi vor vollendete Tatsachen gestellt?
Boris: Bei dieser Platte war es das erste Mal der Fall, wie Du es gesagt hast, daß dieses Mal die Braut geschminkt und hergerichtet wurde, bevor der Bräutigam sie sehen durfte. Er war auch sehr überrascht. Gut, bei einzelnen Takes hat er vielleicht mal die Tür aufgemacht und gesagt "Hey, Boris ich bin hier und auch schon wieder weg." Als ich ihm das Album dann vorgespielt sagte er: "Super Boris, find ich gut! Du mußt mir aber einen Gefallen tun. Ich möcht einmal nicht das singen, was Du willst...." also, daß ich ihn produziere "...sondern wir gehen zu einem anderen Freund von mir ins Studio." Ich meinte O.K., der kann das machen. Der hatte HardDisk-Recording und Post-Production. Nimmī das mal auf, ohne daß ich dazwischen was dazu sagen kann. Wir hatten dann eine Library mit neun Stunden Stimmenmaterial, daß er aus dem Stehgreif improvisiert hat. Dann kam die harte Arbeit, das alles zu selektionieren, da war Dieter schon wieder in L.A. Ich habe die Elemente für jeden Song rausgepickt und von HardDisk Recording wieder runtergeladen, alles gesäubert, nur die besten Sachen genommen und wie ein Puzzle eingesetzt. Das ist von der Technik her nichts neues aber von unserer Arbeitsweise ist das sehr interessant. Als ich alles zusammengestellt hatte und es fertig war, kam Dieter wieder nach Zürich und hat sich das angehört. Da gab es hier und da ein paar Sachen wo er sagte, hier sei es ein bischen leise, da hört man die Stimme nicht mehr. Kein Problem, dann habe ich das lauter gemacht. Aber ansonsten war das eine sehr organische Angelegenheit.
Pilz: Dieter hat ja auch dieses unglaubliche Talent, sein Textideen aus unglaublich banalen Sachen zu ziehen. Mir fällt da immer das Stück "Blender" ein, in dem es um nichts anderes geht, als einen Küchenmixer anzupreisen.
Boris: ....blender for sale....ja, wie so billiger Jakob, der mit Hosenträgern an einem Stand steht.
Pilz: Du hast auch einmal den Begriff der "destruktiven Ampution" erwähnt, in dem Zusammenhang, daß man eine Idee auch zu Tode entwickeln kann. Es ging um das spontane arbeiten und wie ein Cirurg zu hantieren.
Boris: Ja, in der Form habe ich einmal etwas gesagt. Es ist wie mit den komplementärfarben. Wenn du das gleiche lichtstarke Grün oder das Blau nimmst und mit dem auf der Skala gegenüberliegendem, gleichstarken Gelb zusammenmischst, dann gibt das Grau. Wenn du also zuviele Klangfarben zusammenmischst und zu viele Christbäume überladen willst - plötzlich ist das nur noch grau. Du siehst vo lauter Bäumen den Wald nicht mehr. In der Musik glaube ich, ist es wichtig, daß gewisse Frequenzen estimiert werden, auch abgewogen, damit die Bässe von den Höhen getrennt sind. Und so glaube ich, erreicht man auch eine gewisse Transparenz in der Musik und es dann auch Spaß macht, sie sich anzuhören, sich in die Klanggebäude hineinzubegeben und sich darin unzugucken. Das ist dann ein richtiges Erlebnis.
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