
mai 28
TIM SCHULD
The duke of ruhrgebeat
Text: Kai Mathesdorf
Fotos: Jens Rauhut
Taken from mushroom magazine 1/99
Tim ist schon ein Fels in der Brandung. Er macht sein
Ding einfach so schnurgerade, daß es schon beeindruckend ist und bekommt
dafür inzwischen von allen Seiten den angemessenen äußersten Respekt.
Er gehört zu den deutschen Aushänge-Acts des Psy-Trance und so war es
mehr als an der Zeit, ihm endlich zwei Seiten im Pilzblatt zu widmen.
Kai: Wie bist Du zur Musik gekommen und welchen
musikalischen Hintergrund hast Du?
Tim: Ich war eigentlich schon immer, soweit ich
zurückdenken kann, sehr Musik-interessiert, bzw. -begeistert. Als ich
7 Jahre alt war, hab ich meine erste Schallplatte gekauft und das war
eine AC/DC Platte. Mit etwa 7 1/2 Jahren habe ich dann angefangen, Gitarren-Unterricht
zu nehmen, den ich auch, bis ich 14/15 war, immer recht kontinuierlich
durchgezogen hab´. Mit 12 habe ich in der ersten Band Gitarre gespielt,
wo es musikalisch eher "krachig", bzw. heftig zur Sache ging. Wir haben
gecovert und unsere eigenen Sachen gemacht, meistens im Rock-/ Metal-Bereich.
Später war ich dann auch in anderen Bands, z.B. als Bassist in einer
Blues-Band oder mal als "Drummer-Aushilfe" in einer Crossover-Band,
weil es mir immer schon Spaß gemacht hat, verschiedene Stile oder Instrumente
auszuprobieren. 1993 hab ich zum ersten Mal die Chance gehabt, mit zwei
anderen Leuten Techno zu machen, was mich dann mehr und mehr interessiert
hat. Ich spielte noch eine Weile als Gitarrist in einer Band; als die
sich später aber auflöste, habe ich mich voll auf elektronische Musik
konzentriert. Ich fing an, mir nach und nach Equipment zu kaufen und
habe Ende 94 meine erste Platte bei Friends Records gemacht, einem Sub-Label
von Le Petit Prince/Alphabet City. Es war aber kein Psychedelic Trance
in dem Sinne, da ich damals auch noch auf keiner Trance-Parties gewesen
war. Das kam einige Monate später. Ab diesem Zeitpunkt (erste Trance
Party in Gelsenkirchen in der Kaue), war es für mich klar, daß ich Trance
machen wollte, weil diese Art von Party und Musik mich schon extrem
beeindruckt hat. Etwa in diesem Zeitraum habe ich auch Leute wie Bim
(Full Moon Prod.) oder Peter Huber (High Society) kennengelernt, wo
ich dann später die nächsten Tracks releasen konnte. Ab Anfang 95 bin
ich für knapp 2 1/2 Jahre auf die SAE (School of Audio Engineering)
in Frankfurt gegangen und habe dort Tontechnik gelernt. Jetzt bin 25
Jahre alt.
Kai: Was kickt Dich am Trance ? Wie wichtig ist
es für Dich, ausgewiesene Tanzmusik zu machen? Machst Du das, weil's
mehr kracht oder wegen des Beats als Party-Motor und Ideentransporteur?
Tim: Das hängt davon ab, aus welcher Sichtweise
man Trance betrachtet. Auf der einen Seite denke ich an früher, als
wir auf die ersten Parties gegangen sind und dort ein "gewisses" Gefühl
hatten, das wohl jeder begeisterte Partygänger in irgendeiner Form erlebt
hat. Dieses Gefühl ist wirklich ziemlich klasse, und ich finde, daß
es immer mit den Parties oder eben der Musik sehr stark verbunden ist.
Auf der anderen Seite sehe ich Trance aus der musikalischen Sicht, und
dort, muß ich sagen, war in letzter Zeit nicht viel, was ich unheimlich
spannend fand oder mich gekickt hat. Der Sound im Allgemeinen hat sich,
meiner Meinung nach, recht stark einander "angenähert". Damit will ich
sagen, daß es immer weniger Acts oder Bands gibt, die man auf Anhieb
erkennt und einen bestimmten Stil haben. Es gibt mehr denn je Platten,
wo man wirklich die eine von der anderen nicht unterscheiden kann und
im Großen und Ganzen musikalisch meistens in die gleiche "Kerbe" gehauen
wird. Andererseits ist es aber auch wichtig für mich, daß die Produktion,
bzw. der Sound der Musik gut ist. Es muß einfach angenehm klingen und
mich innerlich "treffen", dann find' ich Trance geil! Es ist nicht wirklich
wichtig, nur ausgewiesene Tanzmusik zu machen, da ich ingesamt so für
jegliche Musik empfinde, daß es wirklich keine Rolle spielt, was für
ein Sparte es ist. Im Endeffekt ist die Hauptsache Musik zu hören oder
zu machen, die einen selber in einer guten Art und Weise kickt, bewegt,
auf eine Reise schickt oder was auch immer ...
Kai: Hast Du Interesse an Ambient?

Tim: Klar habe ich auch Bock darauf, Ambient zu
machen. Auf dem "Four Carry Nuts"-Album zum Beispiel, an dem ich zur
Zeit mit meinem Bandkollegen Gilgamesh, bzw. Detlef Funder arbeite,
wird bestimmt auch das ein oder andere "chillige" Stück sein.
Kai: Als Typ machst Du - soweit ich Dich kenne
- einen doch recht freundlichen und smarten Eindruck. Deine Musik zeichnet
sich jedoch zu einem nicht unerheblichen Teil durch eine gewisse Bösartigkeit
aus. Was ist Deine Intention? Was willst Du den Leuten mit auf den Weg
geben?
Tim: Bösartig, düster oder heftig habe ich schon
öfter im Zusammenhang mit meiner Musik gehört. Das ist wirklich eine
Auslegungsache, denn eigentlich sehe ich das nicht so. Unter düsterer
oder bösartiger Musik verstehe ich etwas anderes. Meine "Wurzeln" sind
ja wie gesagt im Rock/Metal-Bereich und daher liegt es für mich persönlich
einfach nahe, Musik zu machen, die schon etwas zur Sache geht. Außerdem
finde ich, daß Trance, bzw. Musik im Allgemeinen nicht zwangsläufig
fröhlich sein muß.
Kai: Viele Deiner Tracks haben auch eine mystische
Komponente. Gibt es da eine konkrete Absicht, oder willst Du damit eher
in Frage stellen und verwirren/verunsichern/ auflösen?
Tim: Ja, genau das mag ich. Ich persönlich mache
und höre sehr gern Musik, die einen verwirrt oder überrascht, in dem
Sinne wie Du es wahrscheinlich meinst. Ich mag Tiefe in der Musik; sie
macht einen guten Track für mich erst wirklich spannend. Mystik setze
ich insofern auf die gleiche Ebene, da ich mystische Musik als sehr
tief und spannend empfinde. Aber mal ganz abgesehen davon, setze ich
mich nicht wirklich im Studio hin und versuche unbedingt, einen mystischen
Track zu machen, sondern das passiert einfach.
Kai: Du machst häufig Produktionen mit anderen
Musikern. Was ziehst Du daraus und mit wem zündet das am besten ?
Tim: Das macht in erster Linie meistens sehr viel
Spaß! Es ist für mich einfach gut, immer mal wieder etwas mit anderen
Leuten zu machen, da ich ja überwiegend alleine in meinem Studio arbeite.
Es verändert die eigene Arbeitsweise, weil jeder mit dem man etwas zusammen
macht, anders an einen Track herangeht oder teilweise völlig abweichende
Ideen hat. Es hat dann alles wieder ein bißchen mehr Band-Charakter
und das gefällt mir.
Kai: Was passiert mit Aurinko? Bist du zufrieden
mit der Resonanz auf die Score-Compilation? Welche Pläne und Erwartungen
hast Du für die nähere Zukunft?
Tim: Die Resonanz war und ist wirklich super, da
die Compilation ja noch gar nicht allzu lange veröffentlicht ist. Insofern
gibt es da bei uns auch noch keine konkrete Pläne für das nächste Release.
Es war eine ziemlich lange Zeit, die wir an der "Score" gearbeitet haben.
Knapp 10 Monate, glaube ich, wobei das aber auch eigentlich nicht so
geplant war, daher haben wir es im Moment auch nicht sehr eilig, direkt
etwas neues zu releasen. Außerdem hätten wir auch nicht bergeweise gute
Tracks zur Verfügung oder überhaupt die Möglichkeit, jeden Monat, z.B.
eine Maxi zu veröffentlichen. Sobald wieder etwas Gutes am Start ist,
wird's auch released. Was genaueres kann ich da jetzt wirklich nicht
sagen.
Kai: Du hast früher kreuz und quer veröffentlicht,
Matsuri, Nephilim, etc. Was wird daraus/kommt da noch was?
Tim: Matsuri, bzw. Tsuyoshi hatte mich nochmal
gefragt, ob ich Lust hätte, einen Track für Ihn zu machen, was dann
leider irgendwie im Sande verlaufen ist; aber generell habe ich auch
immer noch Lust dazu, etwas mit verschiedenen Leuten/Labels zu machen.
Demnächst kommt eine 12" bei Atomic oder für Bim's Label Medium. Avi
(Spacecat) und ich haben zum Beispiel einen Track gemacht, der auf der
nächsten Medium-Compilation sein wird.
Kai: Was bedeutet es für Dich, live zu spielen?
Beste Live Experience? Deine Live-Technik?
Tim: Live spielen ist geil! Kommt natürlich immer
auf die Party an, aber es ist auf jeden Fall der beste und intensivste
Weg, Resonanz zu bekommen. Normalerweise kommt die Hälfte vom DAT, wobei
ich dann einfach andere live gespielte oder live modulierte Sequenzen
darüberlege. Diese Sequenzen starte ich vom Computer, mit dem ich auch
die einzelenen Midi-Tracks an-, bzw. ausschalte. Zu manchen Tracks,
wie z.B. Pacemaker, spiele ich auch Gitarre, sodaß bei diesen Tracks
das Meiste vom DAT kommt, da ich ja auch nur 2 Hände zum Gitarrespielen
habe. Beste Live Experience... Schwer zu sagen, aber wenn ich da an
die letzte Zeit denke, fällt mir auf jeden Fall die Party in New York
ein. Allein wegen der Stadt an sich, war es super, dort live zu spielen.
Aber auch die "Szene" dort ist sehr energetisch, und ich kann nur sagen,
daß es echt gut abgegangen ist.
Kai: Immer wieder gern gestellte Abschlußfrage:
Was erwartest Du für die Zukunft von Trance ?
Tim: Auf der einen Seite gibt es immer mehr große
Parties (z.B. Voov oder Shiva Moon) wo sich tausende von Leuten treffen,
um auf Trance abzufeiern. In Israel gab´´s die Demonstration mit 30.000
Leuten und in Amerika war erst kürzlich ein großer, sogar ziemlich positiver
Artikel über Trance in der New York Times. Alles in allem macht es den
Eindruck, das Trance oder die Trance-Szene langsam aber stetig zu wachsen
scheint und sich immer mehr Leute dafür begeistern und begeistern lassen.
Andererseits muß man aber auch sehen, daß die CD und Vinyl Verkäufe
von Trance-Musik z.B. in England, aber auch in Deutschland nicht gerade
wachsen. Eher das Gegenteil. Musikalisch war das, was so in letzter
Zeit überwiegend released wurde, für mich persönlich auch nicht wirklich
"prickelnd", so daß ich insgesamt ziemlich beobachtend, aber auch gespannt
in die Zukunft des Trance blicke.
