oct 97

Interview: QUAZAR
Trance am Puls der Zeit

amsterdam, holland

(taken from: mushroom magazine oct 97)

Hear the track "97 pulse" of quazar's "flightrecorder" album (superstition)

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Text: Carsten Claus

In den Partytiefen Amsterdams quirlt ein ganz besonderer Act umher. Quazar alias Gert und seine augenweidig ihm zur Seite stehende Daphne sind in Holland längst eine große Nummer. Hierzulande sind sie zwar noch nicht so geläufig, was sich aber demnächst ändern dürfte, haben sie doch mit Superstition Records ein Label gefunden, welches allerbeste Voraussetzungen bietet, sich Gehör zu verschaffen. Da Gert nicht nur den Pulse der Zeit fühlt, sondern sich herzallerliebst am gleichnamigen einstimmig-polyphonen Waldorf-Synthi die Finger verdreht, sobald es soundtechnisch knackig zur Sache zu gehen hat, gibt es auf dem neuen Album "Flightrecorder" viel zu entdecken.

Gert gehört zu jener Sorte Musiker, die, sofern seine Daphne nicht interveniert, eine Klangkiste beinahe mit bis ins Bett nimmt, um sie ausgiebig auszutesten. Sie scheinen in vielerlei Hinsicht experimentierfreudig. Es bedarf schon einiger Selbstdisziplin, sich vom bloßen Jammen loszureißen, um schließlich zu produzieren, den Ideen Struktur angedeihen zu lassen. Ob progressiv pumpende oder breakige Beats, satte Basslines die den Trancer im Menschen wecken - Daphne und Gert wissen Stimmungen zu vermitteln.

Nach dem Interview mit dem "mushroom" stand gleich darauf jenes mit den Kollegen der "Keys" an und so begrüßte Gert den Schwenk ins Reich der Elektronik, konnte er sich schon auf die Nachfolger einschießen. Und es ist auch nie so uninteressant, da ja nicht wenige Leser selber produzieren, mal in die Kochtöpfe derer zu schauen, die sich damit ihren Alltag verdingen. Und immer wieder fällt auf: gekocht wird nur mit Wasser, sei es seine Favourites Akai MPC 2000 oder Oberheims´ Matrix 1000. Doch nicht nur die Technik läßt aufhorchen, illustre Gäste wie Karl Hyde, seineszeichens Sängersprecher von Underworld lassen das Album schon ein wenig aus der Masse herausstechen. Live sind Quazar gleichwohl Abräumer, bei größeren Events ist der Haus- & Hof-Lichtmeister dabei, der dem ganzen bengalische Züge verleiht. Es scheint, als kämen sie gar nicht mehr zur Ruhe....

Pilz: Die Produktion Eures Albums lag in der Zeit von Mai bis Juli. Was habt Ihr von dort an bis zur Veröffentlichung gemacht.?

Quazar: Mitte Juli war ich in England und habe ich das Album gemastert, davor hatten wir unsrer Produktionspahase. Kaum zurück, begann auch unser erstes Festival-Wochenende, an dem wir drei Shows hatten. Seitdem spielen wir auch die meißte Zeit.

Pilz: Seid Ihr, wenn Ihr produziert, konsequent die ganze Zeit im Studio, oder schneit ihr dort zwischen Euren Shows immer wieder mal herein?

Quazar: Wir haben schon einige Gigs in der Zeit unserer Studioarbeit, allerdings war unser Live-Equipment auch gleichzeitig das unseres Studios, so daß wir dieses immer abbauen, mitschleppen und wieder aufbauen mußten. So konnten wir während dieser Wochen eigentlich gar nicht richtig aufnehmen. Nun haben wir aber für die Live-Shows seperates Equipment, so daß wir beides gut gleichzeitig machen können.

Pilz: Wenn nun das Equipment für Live und Studio gleich ist, wie sieht es mit dem Sound aus. Versucht Ihr, das, was Ihr im Studio erarbeitet habt eins zu eins auf die Bühne zu bringen oder klingt Ihr komplett anders?

Quazar: Nein, der ist shon anders. Eine Platte ist eine Platte und Live ist Live, das sind zwei unterschiedliche Dinge. Ich denke nicht, daß es nötig ist, das Album so wie es ist, auch Live zu spielen. Einige Tracks des Albums werden sicherlich dabei sein, doch klingen sie anders. Eine Platte ist eine Hörerfahrung, etwas, dem man zu Hause aufmerksam zuhört. Es ist schon "pumpin´", aber eben doch etwas, das man sich in den eigenen vier Wänden anhört. Während die Live-Energie doch noch rougher ist, ekstatischer. Sie bringt die Leute in Fahrt, läßt sie feiern. Das ist gut so. Wir werden auch noch mehr spielen, weil es sehr gut kommt. Das schöne ist, wenn Du da oben wie ein DJ stehst, hast du auch immer andere Leute mit einer anderen Stimmung. Wenn man auf der Bühne viel improvisiert, kann man auf diese Stimmung einschwingen und sie auch beeinflussen. Diese Faktoren tragen dazu bei, daß die Musik so klingt, wie sie klingt. So ist jede Nacht ist komplett unterschiedlich.

Pilz: Wenn ihr so flexibel reagieren könnt, habt ihr dann mehr analoge Geräte auf der Bühne?

Quazar: Richtig, wir verwenden fast nur analoge Synthsizer, weil wir an jedem Gerät direkt filtern können. Wenn ich einen Sweep mache, ist er in der einen Nacht sehr schnell, in der anderen vielleicht sehr langsam. Wenn man diese Dinge nicht beeinflussen kann, ist man unbeweglich, man kann nicht flexibel sein. Ich höre es immer, wenn ein Act DAT-basiert ist oder nur den Sequenzer laufen läßt. Es ist eher wie bei einem DJ, der sieht, wie die Leute reagieren und dementsprechend seinen Sound gestaltet. Das versuchen wir auch.

Pilz: So sind die Live-Shows für Euch auch besonders wichtig. Was für einen Aufwand betreibt Ihr?

Quazar: In Holland haben wir Light-Shows, auf der Pop.komm hatten wir aber keinen der Leute dabei, die das sonst für uns machen. In Holland ist normalerweise immer unser Lichtmensch dabei. Er kennt unsere Musik, er weiß, wann er in die Vollen zu gehen hat und wann er kürzertreten muß. Er folgt uns mit dem Licht. Wir glauben, daß Licht sehr essentiell ist.

Pilz: Versucht Ihr dann auch ständig die Art und Weise, in der ihr performt, zu ändern?

Quazar: Wir versuchen einerseits, nie dieselben Songs und Sounds zu spielen; aber auch das Bild ändert sich ständig. Dennoch: es sollte alles aus einem selbst herauskommen.

Pilz: Ihr scheint auch allen möglichen Stilrichtungen gegenüber nicht nur offen zu sein, sondern bezieht sie munter mit in Eure Produktionen ein. Ihr verteilt Credits an die unterschiedlichsten Leute und auch Euer Album variiert sehr, wenn auch auf eine homene Art. Setzt Ihr bewußt andere Stilelemente ein oder passiert dieses unbewußt während des Produzierens?

Quazar: Eher letzteres. Wenn ich ausgehe und bestimmte DJs mit einem ebensolchen Style höre, am nächsten Tag nach Hause komme und mich prächtigst vergnügt habe, dann vibriert der Groove noch immer in meinem Kopf. Wenn ich dann Musik mache, was ich nach einer guten Nacht häufig tue, weil ich sehr inspiriert bin, kommt es einfach heraus. Aber es unterscheidet sich klanglich von dem, was ich zuvor gehört habe. Wenn du Breakbeat-ähnliche Sachen auf dem Album hörst, kannst du es zwar in einem Breakbeat-Set spielen, doch unterscheidet es stark von dem "Trademark-Style". Es ist mein Sound, der aber durch die unterschiedlichsten Einflüsse geprägt ist.

Pilz: Es passiert also schon, daß Du direkt von einer Party ins Studio spazierst und die frischen Eindrücke zu Bande bringst?

Quazar: Definitiv. Aber das mache ich ja sonst die ganze Zeit. Was da herauskommt ist, wie ich das Leben als solches empfinde, so ist dann in dem Moment der Groove in den ich mich habe fallen lassen - also die ganze Nacht, nicht bloß ein einzelner Track. Ich höre all die kleinen Elemente und mache etwas daraus. Ich kopiere nicht.

Pilz: Auf Eurer Platte verdingen sich auch einige Gast-Musiker. Underworlds´Karl Hyde ist da sicher das allen bekannteste Beispiel. Braucht ihr auch diese Art von äußeren Einflüssen?

Quazar: Es ist einfach mehr der reine Spaß. Alle diejenigen, die außer Daphne und mir auf der Platte sind, sind Freunde. Wir können miteinander reden aber genausogut auch Musik machen. Einige kommen aus der Nähe Amsterdams, andere aus anderen Teilen Hollands, u.a. aus Utrecht, wo ich auch einige Zeit gelebt habe. Nun ist auch Musik alleine zu hören nicht ganz so befriedigend, als es mit anderen zu tun, die zudem auch noch die gleichen Wurzeln haben. Das bedeutet wesentlich mehr Fun.

Pilz: Ihr kommt in ganz Europa, der ganzen Welt herum. Nun habt Ihr vor kurzem einen Eurer bisher recht raren Deutschland-Gigs bestritten. Wie ist Euer Eindruck von der hiesigen Crowd im Vergleich zu anderen?

Quazar: Ich denke einer der großen Unterschiede ist der, daß Deutschland seinen ganz eigenen Sound, seine ihm eigenen Label, Stil, einfach alles besitzt. In Holland, Amsterdam im besonderen, ist durch viele Leute geprägt, die aus England kommen, z.B. englische DJs, die dorthin gezogen sind. So gibt es mehr Verbindungen zwischen Amsterdam und London, als Beispielsweise Amsterdam und Hamburg oder Amsterdam und Berlin. Wir kennen die Superstition-Musik ganz gut, wir kennen Eye Q und Harthouse und das ist es schon. Die holländischen Leute verstehen die englische Musik vielleicht einfach deshalb besser, weil sie sie stärker gehört haben.

Pilz: So haben es die Engländer bei uns wieder schwerer.

Quazar: Das habe ich auch festgestellt. Ich weiß nicht, warum der Draht nicht so gut ist. Es verhält sich ja beidseitig - nur eine Handvoll Namen ist drüben in England ein Begriff.

Pilz: Wenn Du schließlich im Studio sitzt, experimentierst Du eher vor Dich hin, gerade analog zu bedienendes Equiment lädt dazu ein.

Quazar: Absolut. Insgesamt hat dieses Quazar-Album auch bald zwei Jahre in Anspruch genommen, weil ich mich im ersten Jahr total selbst vergessen habe, habe Tage und Wochen experimentiert, ohne etwas aufzunehmen.

Pilz: Benutzt Du auch digitale Geräte?

Quazar: In der letzten Zeit fast nur noch analog. Ich hatte auch nicht so viel Equipment. Ich hatte einen Sampler und habe viel mit Samples gearbeitet, die ich auch alle selbst gemacht habe, keine von CDs oder ähnlichem. Ein Sampler ist hervorragend für alles Verrückte. Ich meine, ob Du jetzt dein Tonband nimmst oder diese Flasche, die hier steht - es sind alles Sounds, die man verwenden könnte.

Pilz: Bevorzugst du an den analogen denn eher den Sound oder das Handling. Wie denkst Du über die neuen virtuell-analogen?

Quazar: Der Waldorf Pulse, den ich viel benutzte, ist eine wirlich großartige Maschine. Wenn Du auf dem Album einen Synthesizer hörst, der sehr laut und trocken klingt, ist es dieser.

 

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