
mai 29
Joujouka
Wieviele Windungen verkraftet mein Hirn ?
Text: Alpha
Eingebung: Raumfische
Taken from mushroom magazine 12/98


Nicht nur aus Gruselfilmen oder dem Bio-Unterricht oder
den phlegmatischen Autopsien einer Agent Scully kennen wir die äußere
Ansicht dessen, was Gehirn genannt wird. Der kosmische Chefgrafiker
hat mit Sicherheit auch gewisses mathematisches Geschick bewiesen, als
die Konstruktionspläne für eine humanoide Denkeinheit dem intergalaktischen
Aufsichtrat zur melancholischen Prüfung vorgelegt wurden. Nur: der bisherige
Verlauf der (un)menschlichen Geschicke ließ kaum Rückschlüsse vom komplexen
Design zum komplexen Menschsein zu, ketzerisch gesagt. Der moderne Hospitant
elektronischer Frequenzen hat aber seit einigen Jahren durchaus eine
Ahnung dessen erfahren, was passiert, wenn die menschlichen Speicherplätze
wenigstens ansatzweise belegt werden... "Was will er" denkt die geneigte
Leserschaft (besser: Shaft) und muß die folgenden Sätze über sich ergehen
lassen. Nunja, säuselt der Schreiberling und vertieft sich in den Background
japanischer, elektronischer Musik wie z. B. die Altmeister vom Yellow
Magic Orchestra, daß eigentlich seit den 80ern bis heute bewußt einem
Massenpublikum verborgen blieb, abgesehen von Einzelexkursionen eines
Herrn Sakamoto o.ä. Nur gibt es in der Sternenjetztzeit einen, der den
gemeinen Trancer (tranciens vulgaris) seit geraumer Zeit aus der Ecke
holt, Tsuyoshi Suzuki. Der fing schon mit 12 an, auf ein Drum-Kit einzuschlagen
und behauptet, von vorgenannten über Kraftwerk, Brian Eno bis David
Sylvian amtlich beeinflußt worden zu sein. Na, und wie hieß die Band
des Letztgenannten ? Claro, "Japan" ! Da habe ich mir vor Jahren dieses
japanische Trance-Matsuri-Zeugs genau deswegen geholt, weils so "echt
trancig" und "geil psychedelisch" klingt. Abgesehen davon, daß ich genau
den Sound aus der psychedelischen Trance-Oldie-Ecke heutzutage besonders
gern wieder aus der Plattentasche grabbele -dabei finde ich so was gnadenlos
Tolles wie die "Kailash"-EP und lerne natürlich ein paar Tage später
einen aus der BRD stammenden und in Norwegen lebenden Musiker des gleichen
Namens kennen...-, kaufe ich heute gern diesen Matsuri-Sound, den viele
"Kenner" als (zu) schräg oder schredderig empfinden.. Hm. Und wer macht
meistens diesen Sound bzw. ist Mastermind von Matsuri ? Claro, Tsuyoshi.
Überhäuft mit Lobpreisungen vom ganzen Planeten, ist
dieser musikalische Workoholic mit Sicherheit einer der innovativsten
Zweibeiner. Seine Veröffentlichungen seit ´93 und seine globale Trancemission
(er spielt/spielte wirklich überall, genau wie Gorleben...) sind einzigartig.
Der Fluß der Inspiration scheint unversiegbar und bekommt zudem noch
derbe Nahrung, z. B. von Takeshi Isogai, den wir seit kurzem als Ubar
Tmar schätzen. Wo das veröffentlicht wurde? Claro, auf Matsuri.
Alpha: Wie kommt´s eigentlich zu dem scheinbaren
Change, vom Trance-Dj zum Musiker mit Drum ´n´ Bass, Big Beat und Punkeinflüssen?
Tsuyoshi: Naja, mir ist halt wichtig, eine vernünftige
Balance zwischen beiden herzustellen. Momentan brauche ich ganz einfach
wieder das Musikerdasein. Nun bin ich seit acht Jahren als Dj unterwegs
und habe ja zuvor schon in diversen Bands als Drummer gespielt. Nur
Auflegen ist mir zu langweilig.

Alpha: Bist du richtig als Drummer ausgebildet
?
Tsuyoshi: Ja.
Alpha: Dann ist das Auflegen mehr eine Unterbrechung
deiner Musikerkarriere ?
Tsuyoshi: Ja.
Alpha: Auf dem neuen Joujouka-Album sind ja ne
Menge Einflüsse rauszuhören. Was ist der Grund, außer das man schön
open minded ist oder als Musiker ja sowieso an vielen Dingen interessiert
ist ?
Tsuyoshi: Nur Tanzmusik zu machen, ist auch langweilig.
Als Musiker kannst du so viel machen. Und es gibt so viel schöne Musik,
neben der psychedelischen.
Alpha: Bei dir ja vorwiegend D´n´Bass, Dub, oder
?

Tsuyoshi: Ja.
Alpha: Aber die Überschrift ist immer noch Underground
?
Tsuyoshi: Hm, weiß nicht. Heutzutage ist die Technomusik
so groß geworden und ich respektiere natürlich immer noch die Underground-Szene,
aber im Overground gibt´s halt auch viele Formen elektronischer Musik.
Auch hier bemühe ich mich, eine vernünftige Balance zu halten, als Musiker
dort Singles zu veröffentlichen und als DJ dort.
Alpha: Also die Roots nicht zu verlieren und gleichzeitig
im aktuellen Geschehen zu sein ?
Tsuyoshi: Da habe ich kein Problem. Ich spiele
z.B. bei einem völlig kommerziell ausgerichteten Festival und organisiere
selbst ein Party für 150 Leute, Freunde, Freaks... Das finde ich cool.
Alpha: Claro. Und als Musiker bestimmen wir ja
eh nicht, was morgen zum Overground wird. Die Massenmedien knöpfen sich
sowieso alles vor, was nicht niet- und nagelfest ist.
Tsuyoshi: Logisch, daß ist eben die Art des Rockbusiness.
Alpha: Was sind die nächsten Pläne von Joujouka
?

Tsuyoshi: Hm, wir haben keinen wirklichen Plan
für die nächste Zeit. Im Frühjahr kommt auch in Japan das Album raus,
was aber vom Cover bis zu einigen Trax anders als das europäische sein
wird.. Danach sehen wir dann weiter. Wir werden wohl ein wenig mehr
Gesang in neue Songs einbauen und Gastmusiker dazuholen.
Alpha: Also mehr so eine Band im Prozeß ?
Tsuyoshi: Ja.
Alpha: Und wie sieht´s mit live spielen aus ?
Tsuyoshi: Wir spielen am 13. Dezember zusammen
mit X-Dream und System 7 im Rainbow Theater in Tokyo. Und es wird tagsüber
sein, auch mehr ein Konzert als ´ne Party.

Alpha: Da wird´s denn auch langgehen ?
Tsuyoshi: Ja, sieht so aus. Wir brauchen ja wie
ne Rockband das entsprechende Equipment. Und wenn wir aus Japan rausgehen,
müssen wir das mitnehmen und das ist alles sehr teuer. Wir brauchen
z.B. auch immer ein Soundsystem/PA wie ´ne große Rockband. Nach meinen
jahrelangen Erfahrungen will ich nicht mehr als Live-Act auf einer Trance-Party
spielen, die technischen Dinge sind einfach zu unprofessionell und das
bedeutet, daß die Musik nicht so umgesetzt werden kann, wie sie´s braucht
. Also werden wir mehr "richtige" Konzerte machen. Hinzu kommt, daß
die Leute auf Parties verständlicherweiser lieber eine Art Sound hören
wollen und wir ja diverse anbieten.´
Alpha: Erzähl doch mal, wie ihr das Album live
umsetzen wollt.
Tsuyoshi: Wir werden mit Sänger, Guitarre, Percussionisten,
mit mir als Drummer wie ne Rockband auftreten.

Alpha: Aber auch mit Samples/ Keyboards und anderem
High-tech-Schnickschnack ?
Tsuyoshi: Ach ja, das Zeugs (lacht). Klar wird
sowas dabei sein müssen, für die technoider angelegten Stücke. Aber
das sehen wir dann.
Alpha: Habt ihr denn im jüngster Zeit Konzerte
gemacht ?
Tsuyoshi: Ja, wir haben im Partyrahmen in London
und Deutschland gespielt...
Alpha: Zum live Austesten der Stücke ?
Tsuyoshi: Ja.
Alpha: Wann werden wir euch denn live in Europa
sehen ?

Tsuyoshi: Europa ? Bis jetzt haben wir nichts unterschrieben.
Wir müssen die Reaktion auf das Album abwarten.
Alpha: Ok Mann, hast du noch was auf dem Herzen
oder gibt´s da ne musikalische Message von Joujouka ?
Tsuyoshi: Oh, hm, ich weiß nicht recht (lacht).
Alpha: Muß ja nicht sein, aber...
Tsuyoshi: Naja, eines ist mir schon wichtig: ich
will der Goa-Trance-Szene ein paar öffnende Einflüsse mitgeben. In der
Vergangenheit war diese Szene so aufregend und so fortschrittlich. Jetzt
muß man feststellen, daß sie sehr konservativ geworden ist. Die Leute
sind nicht mehr "open minded". Sie sind sehr, sehr konservativ geworden.
Ich bedaure das sehr und versuche auch mit Joujouka neue Impulse zu
geben....
Alpha: Viel Glück dabei, die Szene kann´s gebrauchen
und mich törnt dieses Power-Album fett an.
Tsuyoshi: Ja (lacht).

