mai 28

Celtic Cross
Eine psychedelische Reise zu den Kelten

Text: Kai Mathesdorf
Fotos: Dragonfly

Taken from mushroom magazine 12/98

 

Es gibt ein neues Ambient-Album auf Dragonfly, das mich ziemlich umgehauen hat (Kritik im Oktober-mushroom). Ich hatte davon zunächst nur Titel und Tracklist und wußte gar nicht, wer das Album eigentlich gemacht hat. Es war nur einfach etwas total anderes, als alles, was ich bis dahin gehört hatte. Erst sehr viel später bin ich darauf gestoßen, daß Simon Posford (Hallucinogen) es zusammen mit Youth ausgeheckt hatte. Weil nun Dr. Posford gerade nicht in England weilte, hat sich Dragonfly's Labelmeister Darren besonders bemüht, Youth zu einem Interview mit uns zu bewegen. Dafür sind wir ihm sehr dankbar, denn ein Interview mit Youth ist fast ein bißchen wie eine Audienz beim Papst. Er hat für die gesamte psychedelische Geschichte und das Goa-Ding im Besonderen eine außerordentliche Bedeutung.

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Kai: Du bist einer der Väter der Goa-Bewegung. Viele Leute aus der Szene haben einen Mega-Respekt vor dir. Du warst ein Teil von Killing Joke, das weiß fast jeder. Erzähl mal etwas präziser was zu deiner Geschichte.

Youth: Ich bin 37 Jahre alt. In die Trance-Geschichte bin ich mit Killing Joke geraten, in den frühen 80ern haben wir so eine Art Tribal-Industrial-Stomp gemacht. Mitte der 80er habe ich zusammen mit Alex Paterson das Label "Wau Mister Modo" gegründet. Wir haben AcidHouse, House, AlternativeDance veröffentlicht. Über vier Jahre waren es ca. 30 Maxis und einige Alben; unter anderem The Orb's erstes Album, denn Alex war ja der Kopf von The Orb. Wir haben danach noch immer eine Menge Musik geschrieben für Projekte wie STP23, auch größere industriellere Produktionen gemacht, wir haben für Illuminated 400Blows gemixt, für frühe Electronic-Pioneer-Bands gearbeitet. Ist auch egal. Vieles davon war echter Underground mit ganz geringen Auflagen. Dann bin ich 1989 nach Indien, nach Goa gegangen, wo einige DJs genau diese Platten gespielt haben, die ich in den vergangenen sechs Jahren gemacht hatte. Wir hatten auf "Wau Mister Modo" z.B. eine Gruppe herausgebracht, die hieß "Sonar", das waren Ben Watkins von Juno und Stephane Holweck von Total Eclipse. Diese Musik hatte keine Homebase oder geographische Zuordnung. Es war Musik aus der Zeit. Ich habe mich damals ziemlich in und auf diese Szene konzentriert. Die Leute, die ich getroffen hatte, wollte ich nach all den gemachten Bewußtseins-Erfahrungen hier in England wieder zusammenbringen, um wirklich psychedelische Underground-Musik zu machen. 1993 hat sich daraus schließlich Dragonfly entwickelt.

Kai: Wir haben mal ein Interview mit Johann gemacht, und er hat einiges erzählt aus dieser Zeit.

Youth: Es war eine Art "underground resistance, a brotherhood of ...", du weißt schon, was ich meine (lacht). Damals gab's solche Label wie T.I.P. und Flying Rhino noch nicht; wir hatten das Butterfly-Studio in Brixton im Rücken (Anm: Butterfly ist ein Major-mäßiges Label und sozusagen die Mutter von Dragonfly) und fast alle Trance-Tracks aus dieser Zeit sind in diesem Studio produziert worden. Die ganze Szene hing da rum. Für unsere erste Compilation hatten wir damals viel zu viele Künstler und vielzuviel Musik. Wir konnten die Platten gar nicht schnell genug rausbringen. Deswegen hat sich das damals ein bißchen gesplittet und es kamen die anderen Label, Matsuri kam hinzu. Und da wurde es ein richtiges Genre; eine Szene, so wie wir sie heute haben.

Kai: Du hast nun mit Simon Posford das Celtic Cross Album zusammengemacht. Es ist ein psychedelisches Ambient-Album, und das, was mich am meisten angemacht hat, ist seine Klarheit. Es sind eben nicht die tausenden Ideen und Melodien zur gleichen Zeit, wie sie in der Psy-Trance-Szene üblich sind; das Album ist sehr ungewöhnlich in seiner Art. Wie siehst Du es?

Youth: Wir haben viel Zeit mit dieser Platte verbracht, sie ist ein Produkt aus einem Zeitraum von sechs Jahren. Sie hat einen kosmischen Bezug; es ging uns darum, eine Atmosphäre zu schaffen, die über das normale Ding hinausgeht, und wir wollten schon eine holografische, drei-dimensionale, spacige Klarheit erzeugen, das ist richtig.

Kai: Wenn man diese sechs Jahre zurückrechnet, kommt man bei 92 an. Trotzdem klingt der Sound durch das gesamte Album total frisch. Habt ihr die Tracks nochmal "refreshed", oder ward ihr eurer Zeit soweit vorraus?

Youth: Unser Problem war tatsächlich, daß wir damit zu früh waren. Die Leute waren dafür noch nicht bereit. Deswegen konnten wir uns auch soviel Zeit damit lassen. Wir waren aber natürlich schon scharf auf ein positives Feedback, das kam mit der Zeit, und jetzt haben wir das Album endlich releast. Ein Finishing haben wir aber natürlich auch gemacht.

Kai: Wie arbeitest du mit Simon zusammen? Ist er der Mann an den Knöpfen und du der Lieferant der Ideen? Wie funktioniert das?

Youth: Wir programmieren beide, obwohl er schon der definitive Meister ist. Das ist aber über den langen Zeitraum immer etwas differierend in der Arbeitsweise gewesen. Jeder hat seinen Anteil am Projekt, und jeder war für alles zuständig. Es ist klasse, mit Simon zu arbeiten; er ist ein überaus talentierter Künstler.

Kai: Das keltische Element in der Platte, welchen Hintergrund hat das? Ist das eine politische Geschichte mit den Kelten und Angelsachsen, oder ist das eine Geschichte von Drogen?

Youth: Es ist ein kultureller Zusammenhang. Die Kelten der vor-christlichen Gesellschaft haben definitiv psychoaktive Drogen benutzt und sie für ihr Bewußtsein und ihr soziales Gefüge eingesetzt. Es gibt eine Korrespondenz zwischen den Kelten und der hinduistischen Tradition. Wir wollten den Space unserer alten Vorfahren auf eine homöopathische (lacht) Weise mit unseren Erfahrungen in eine Verhältnismäßigkeit bringen. Da gibt es Bezüge, die sehr wichtig für unsere DNA, unser tiefstes Bewußtsein und unsere Wahrnehmung sind. Emotionen und archetypische Energien sind vergleichbar und kombinierbar mit der heutigen Zeit der Technologie und wiederholen sich. Von daher ist dieses Album wie eine Art Zeitmaschine. Ein zeitloses Stück Musik, das dir erlaubt, in den Zeiten zu reisen.

Kai: Ich hab' da mal eine sehr direkte Frage. Zu Beginn des Tracks "Jade Garden" gibt es ein Vocal-Intro, in dem jemand mit sanfter Stimme die Geschichte von Pandora's Box erzählt. Er hat die Box geöffnet, und es gab kein Zurück für ihn. Hast Du das Licht gesehen?

Youth: Oh ja, ich habe ... . Als ich 21 Jahre alt war, habe ich mich in der Box total verloren. Es war die Zeit bei Killing Joke, und ich habe damals einen Haufen LSD genommen. Es gab dramatische Erfahrungen an der Selbstmordgrenze. Ich habe es sofort gelassen, aber es half nichts. Ich bin Monate lang auf dem Film geblieben, war total aus der Bahn und konnte ganz alltägliche Dinge nicht tun. Ich hatte eine sehr mystische Verbindung in den Kosmos, die ich nicht in Verbindung mit meinem Dasein und meinem Leben bringen konnte. Zwei Wochen war ich in einem "Mental Hospital". Als ich high war, schien es die größte Erfahrung meines Lebens, eine wirklich schamanische Sache. Als ich einige Wochen später wieder rausgekommen bin, hat mir mein Freund Brian, der mit Timothy Leary einige Bücher geschrieben hat, sehr geholfen, meine Erfahrungen zu verstehen und wieder ins Leben zurückzukommen. Er hat mir die siebte und achte Stufe des Bewußtseins und verschiedene Wahrnehmungssysteme erklärt. Ich habe 8 bis 10 Jahre gebraucht, das alles zu verstehen. Es hat mein Leben total umgekrempelt und ich habe seitdem Respekt vor Drogen.

Kai: Der größte englische Vertrieb Flying UK hat sich abgemeldet. Das macht den Psychedelic-Labels im Moment ziemliche Probleme. Die Party-Geschichte hat aufgrund der englischen Gesetze an Kraft verloren. Psy-Trance in England ist nicht mehr, was es war ...

Youth: Wir sind wieder in einem wichtigen Prozess des Wechsels. Die Kritik an der Szene gibt es nicht erst seit gestern. Unsere Szene hat sich zu lange isoliert. Es gibt nun Label wie Transient oder z.B. T.I.P., die mit dem Sublabel 10 Kilo andere Musik veröffentlichen. Die Leute machen Musik aus ganz unterschiedlichen Einflüssen heraus...

Kai: Es gibt eine nächste Generation an Leuten und an Musik...

Youth: ...was sehr wichtig ist. Die Szene ist so sehr underground. Was wir im Moment sehen, ist, das der Underground wirklich funktioniert. Die Musik wird universeller, die Künstler haben sich über die Jahre mehr und mehr entwickelt und brauchen nun ein größeres, offeneres Publikum.

Kai: Was erwartest du für die Zukunft von Dragonfly auch in finanzieller Hinsicht? In Deutschland wächst die Party-Szene immer noch ein bischen; die Label haben aber echte Probleme, weil es immer mehr Musik gibt. Die Jungs der ersten Stunde schrauben heute noch immer, und immer neue Leute kommen hinzu, die es auch wollen. Die Menge der Käufer wächst aber nicht proportional mit; die Menge der gesamten Verkäufe nimmt nicht entsprechend zu.

Youth: Es ist definitiv nicht mehr das gleiche, wie vor einigen Jahren. Aber es bleibt eine geile Sache, denn es geht um die Qualität der Musik. Die Profite, die wir erzielen, rechtfertigen die Arbeit, die wir da reinstecken, natürlich nicht mehr. Es ist eine Arbeit aus Liebe. Dragonfly wird sich weiterentwickeln und wachsen, weil wir es wollen. Wir starten jetzt das neue Label L.S.D. (Liquid Sound Design), das sich um Ambient kümmern wird und werden da, so haben wir zumindest gerade im Kopf, auch CDs mit Texten, also mit gesprochenen Worten, veröffentlichen. Wir werden mehr in Richtung Avantgarde und universelle CrossOver-Ambient-Musik gehen. Mit Dragonfly werden wir weiterhin regelmäßig Maxis und einige CDs im Jahr herausbringen. Wir werden das ohne Kompromisse in Hinblick auf Künstler, technische und musikalische Entwicklung ohne kommerzielles Anliegen weiter entwickeln. Wir machen das, solange es geht.

Kai: Am 12. Dezember gibt es in London eine Dragonfly-Party. Es gibt ja immer ein paar Verrückte, die von Deutschland da rüberdüsen. Erzähl doch mal, wo das ist, und was ihr da machen wollt.

Youth: Es ist in Tyssen St. mit Muses Rapt als DJ, Jean Borelli und Purple als DJ ...

Kai: Wer ist das?

Youth: Das ist ein DJ aus London, der hier auf ziemlich vielen Parties gespielt hat. Dazu Oforia aus Israel live. Ansonsten planen wir noch einen L.S.D.-Abend mit gesprochenen Texten und so etwas. Wir haben das zum Launch des Celtic Cross-Albums zu Halloween schon gemacht. Das ist absolut verrückt und supergut gelaufen, mit Wortbeiträgen von illustren Leuten, mit Musik von Simon und mir. Es ist mehr als Musik; es ist eine Reflektion dessen, wie wir Kultur verstehen. Ich kenne soviele wahnsinnig kreative und talentierte Leute aus der ganzen Kultur- und Lifestyle-Szene. Das wollen wir alles zusammenbringen.

Kai's Dank an Charly, Alex & Steffi von Novatekk und natürlich an Darren, ohne die dieses Interview nicht zustande gekommen wäre.

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