mai 5

Man With No Name
Melodie und Kickfaktor

Text: Kai Mathesdorf

Taken from mushroom magazine 7/98

 

Der Mann Ohne Namen heißt Martin Freeland und gehört schon ganz lange zu den Produzenten psychedelischer Trance-Musik. Ob seiner Bescheidenheit ist er aber als Person ein Unbekannter geblieben.

Anläßlich seines Gigs zur Medium-Party im Cult und des in den Startlöchern stehenden zweiten Albums haben wir ihn kontaktet und es nun endlich geschafft, ihn zu interviewen.

Pilz: Du bist ein alter Hase des psychedelischen Trance. Das erste Release, das ich von Dir kenne, ist von 94 und es gehört zu meinen Lieblingsstücken: "Deliverance". Die Anfänge kenne ich gar nicht so sehr; auf Deinem ersten Album aus dem Jahr 96 bedankst Du Dich bei fast allen wichtigen Leuten der PsyTrance Szene in UK, da muß also wohl ein ganzes Stück Geschichte voraus gegangen sein...

MWNN: Ich bin von Raja Ram und Graham Wood (das sind die T.I.P. Jungs) in die Trance-Szene eingeführt worden; sie haben mich 1991 zu einer ihrer "Goa-Style"-Paties in London eingeladen, nachdem ich sie in einem Recording-Studio in West-London getroffen hatte. Nachdem ich Jahre lang von dem, was man "Club Culture" nennt, gelangweilt war, haben mich die Musik, die Vibes und die Leute glatt umgehauen; es war alles so neu, so positiv und ging nach vorn. Viele der Leute, die in dieser frühen Phase der Trance-Geschichte zu meinen Freunden wurden, fingen damals auch an, selbst Trance zu machen; die meisten im Studio und auf dem Label von Dragonfly. Leute wie Juno Reactor und Total Eclipse, Genetic und Hallucinogen gingen immer mehr darin auf, die Musik zu machen, die wir heute Psychedelic Trance nennen. 1994 habe ich Tim Palmer über meinen alten Freund Steve Targett kennengelernt. Tim war der Manager von XL-Records, die auch The Prodigy unter Vertrag hatten. Er war auch ein Trance-Freak und hatte viel Zeit in Goa verbracht. Tim Startete das Label "Concept in Dance", um Musik zu veröffentlichen, die bis dahin nur von DATs auf Parties gespielt wurde. Für das Label habe ich damals zwei Alben compiliert und dort auch mein erstes Solo-Album releast. Paul Oakenfold kannte ich noch von ganz früher, hatte aber den Kontakt zu ihm verloren. Auf einer Trance-Party habe ich ihn nach Jahren wieder getroffen, denn auch er liebte die Musik und den Vibe dieser Szene. Nach zwei Wochen rief er bei mir an und sagte: "Ich habe gerade bei Dino (Psaras) herausgefunden, daß die meisten der Tracks, die ich mag, von dir sind!" und schwupp haben wir einen Plattenvertrag für sein Perfecto-Label abgeschlossen. Pauls Label wurde leider an einen Major (Warner‘s) verkauft. Das macht es deutlich schwieriger, so schnell Platten zu veröffentlichen, wie es auf einem kleinen Label geht. Und so hat es über zwei Jahre gedauert, bis jetzt das zweite Album an den Start geht. Ich würde gern viel mehr Musik veröffentlichen.

Pilz: Auf deinem ersten Album sind ein paar Stücke, z.B. "Sugar Rush", die deutlich in Disco-Richtung gehen. Auf dem neuen Album bist Du mit den Vocals von "Seratonin Sunrise" schon im Punk gelandet. Erzähl uns etwas zu Deinem musikalischen Hintergrund.

MWNN: Ich habe viele verschiedene musikalische Einflüsse, einschließlich Disco, Electro, Psychedelic Music, Klassik und auch ganz andere Geschichten. Für mich ist Trance eine Form von Musik, die es mir erlaubt, auf alle diese verschiedenen Stile gleichzeitig zurückzugreifen. Ich bin sicher, es gibt ein paar Puristen, die eine ganz andere Meinung darüber haben, was Trance ist. Ich mache die Musik, die ich machen möchte; obwohl mein ganz persönlicher Geschmack, was das Hören angeht, ein bischen dunkler ist als mein eigener Sound. Für mich treffen X-Dream und Delta ganz genau den Punkt!

Pilz: Das eben erwähnte frühe Stück "Deliverance" ist auch heute noch floortauglich. Deine neuen Sachen haben einen ähnlichen Sound und klingen immer noch nach Martin Freeland. Sie sind klasse, ich mag sie sehr, keine Frage. Ich habe mit einem Freund darüber gesprochen, der mehr aus der Techno-Ecke kommt, und er findet Deine Sounds ein bischen konservativ. Was sagst Du dazu?

MWNN: Ich verstehe das Wort "konservativ" in diesem Zusammenhang nicht. Es scheint mir etwas zu implizieren, was ich so nicht sehe. Viele Leute im Trance und im Techno haben ein Aversion gegen Melodien. Aber die Melodie ist letztlich das Einzige, was den einen vom anderen Track unterscheidet, mal abgesehen vom Kick-Faktor eines Tracks. Wenn jemand nur auf den Kick aus ist, sind natürlich für ihn nur Sound und Rhythmus relevant. Das ist jedoch nicht der Weg, mit dem ich meine Balance von Musik finden will. Ich möchte Leute in die Trance-Szene bringen, die bis dahin noch nichts damit zu tun hatten. Wenn man harten Techno auf jemanden losläßt, der Techno nicht verstanden oder vorher noch nie gehört hat, wird er das als "horrible noise" empfinden, weil es einfach viel zuviel auf einmal ist.

Pilz: Sehe ich auch so. Ich bezog das "konservativ" aber eigentlich nicht auf die Art, Stücke zu machen, sondern auf die Sounds. Vieles davon scheint unverändert über die Jahre Bestand bei Dir zu haben...

MWNN: Das ist auch gut so. Es gibt einfach Sachen, die ich mag, und die nehme ich gern wieder auf. Es gehört zu meinem Stil. Es gibt Elemente, die sich bei X-Dream immer wiederholen, auch bei Juno Reactor ist das so. Das ist letztendlich der Sound, der den einzelnen Künstler ausmacht, an dem man ihn immer wieder erkennt. Aber natürlich ändert sich auch mein Geschmack und meine technischen Möglichkeiten; die meisten Tracks des Albums sind nur schon fast zwei Jahre alt.

Pilz: Du kennst viele coole Leute, warum arbeitest Du allein?

MWNN: Ich arbeite hauptsächlich allein, weil ich es schwierig finde, im Studio für einen so langen Produktionsprozess langfristig demokratisch zu bleiben. Deswegen habe ich meinen eigenen Studio-Kram und programmiere meine eigenen Tracks. Ich habe Co-Produktionen gemacht und werde dies in Zukunft auch verstärken, aber ich bin in den letzten zwei Jahren mit der Veröffentlichung des Albums, Live-Auftritten und Remixes sehr beschäftigt gewesen.

Pilz: Bist Du eher ein Mystiker oder ein Pragmatiker? Wie siehst Du Dich selber?

MWNN: Ich bin ein mystischer Pragmatiker... oder bin ich ein pragmatischer Mystiker? Ich existiere, um Grenzen aufzulösen und nach neuen Wahrheiten zu suchen, aber ich muß auch in dieser realen Welt leben und zurechtkommen.

Pilz: Hast Du eine Verbindung nach Deutschland?

MWNN: Der Hauptdraht nach Deutschland ist DJ Bim. Top Man! Mit ihm hat mich der Dino 97 zusammengebracht. Natürlich kenne ich auch Johann, aber da ich ihn normalerweise immer in London treffe, ist er eigentlich für mich keine deutsche Connection, oder?

Pilz: Im Cult hast Du zur Medium-Party nicht live gespielt, sondern ein DJ-Set gegeben, daß ziemlich gloriös gewesen sein soll. Ein einmaliger Spaß, oder wird der MWNN das in Zukunft öfter machen?

MWNN: Ich bin nicht wirklich DJ. Ich sammle auch gar nicht genug neue Musik. Es ist ein zeitintensiver und teurer Job, ein guter DJ zu sein. Ich bin glücklich darüber, daß meine DJ-Freunde Mike (Maguire) und Dino mir gelegentlich Sound rüberschieben und natürlich habe ich immer eine Menge neuer eigener Tracks und Remixe zur Verfügung. Aber ich habe viel zu viel Respekt für die Kunstfertigkeit und Arbeit eines DJs, um mich selbst so zu nennen.