

mai 5
Electric Universe
Willkommen in der neuen Welt
Text: Kai Mathesdorf
Fotos: Boris Blenn
Taken from mushroom magazine 8/98
Boris Blenn, der Kopf hinter Electric Universe, schickt gleich
zwei Alben fast zeitgleich ab. Denn neben dem nagelneuen Tanzalbum "Waves"
auf Spirit Zone erschien vor wenigen Wochen ein Ambient-Album auf BlueRoom:
Galaxy - Angel. Diesen Doppelschlag haben wir zum Anlaß genommen, uns
mit ihm in Verbindung zu setzen.

Pilz: Unsere erste Interviewfrage zielt oft
immer in Richtung Geschichte. Du bist einer der wenigen Schrauber, die
noch nie in Goa waren; trotzdem machst Du schon ganz lange psychedelischen
Sound und giltst als Trance-Institution.
Boris: Ich habe mich schon in relativ frühen
Jahren mit AcidHouse beschäftigt; Chicago und sowas fand ich sehr
interessant.
Pilz: Moment mal, wie alt bist denn du?
Boris: Ich bin jetzt 26 ...
Pilz: Dann warst Du ja schon in recht jungen
Jahren unterwegs ...
Boris: Jooh, kann man so sehen. Damals hat mich
jedenfalls ein Freund mitgenommen auf eine Party, und ich wußte
nicht, was mich da erwarten würde. Diese Party war in Sprötze
in der Kieskuhle. Ich hatte schon vorher viel Musik gemacht, in Schulbands
gespielt und mich mit Synthesizern beschäftigt, fühlte mich
der Techno-Szene, die sich damals in Hamburg vor allem im Unit abspielte,
eigentlich gar nicht so verbunden. Ich bin in der Kieskuhle gelandet
und dachte: Jippie, zuhause - super!!! Der weitere Weg war damit klar;
ich habe mich von da an mit dieser Art von Musik beschäftigt, und
irgendwann machte Antaro sein Label auf. Ich hatte schon so einige Sachen
programmiert, war aber noch gar nicht an dem Punkt, zu sagen, ich mach
jetzt Platten oder so. Ich hatte einigen DJs DATs gegeben, und eines
Tages trat Antaro an mich heran, um mich zu fragen, ob ich das eine
Stück, daß ihm besonders gefiel, nicht veröffentlichen
wolle. Da war ich natürlich nicht abgeneigt. Die Sachen damals
habe ich mit meinem besten Freund Micky zusammengemacht, und dann haben
wir uns da nochmal rangemacht, einiges modifiziert, und dann ist das
die "Sol Energy"-Maxi geworden. Wir waren total von den Socken,
weil sich das Ding 4-5.000mal verkauft hat und komischerweise sogar
von Rave-DJs aufgelegt wurde. Das war die Basis für die weitere
Studio-Arbeit, die Live-Acts und alles, was dann so kam.
Pilz: Ihr wart anfänglich zu zweit ...

Boris: Ja, Micky, Michael Dressler und ich.
Ich war mehr der Techniker und Micky hatte schon immer auch eine große
Neigung zum Visuellen. Unsere ersten Plattencover waren auch von ihm.
Er hatte die Möglichkeit, nach Berlin zu gehen und dort an MultiMedia-Kursen
teilzunehmen. Er arbeitet inzwischen auch in diesem Bereich mit Internet-Geschichten
und blüht da voll auf. Viele Sachen habe ich auch mit Sangeet produziert;
sehr produktive Sache. Er hat jetzt übrigens auch ein eigenes Studio
und macht viele Sachen für sich. Die letzten zwei Stücke,
die er mir vorgespielt hat, sind vom Sound her sehr amtlich geworden.
Und ich hatte in der letzten Zeit auch viel Spaß daran, Tracks
ganz alleine zu machen. Aber es gibt auch noch eîn Stück
auf dem Album, daß ich mit Dirsch gemacht habe ...
Pilz: "Electro Universe Vol. 3D", geiler
Name ...
Boris: (lacht) ... und mit S.U.N. Project habe
ich auch ein Stück gemacht vor zwei Monaten ...
Pilz: Das kommt auf Mash raus, habe ich mir
erzählen lassen.
Boris: Genau. So schaue ich mal hier, mal da,
was sich an netten Zusammenarbeiten ergibt.
Pilz: Jeder hat ja sein eigenes Studio und ist
mit seinen Geräten vertraut und weiß genau, welcher Sound
in welcher Ecke steckt. Wenn man zusammenarbeitet, muß ja zumindest
immer ein Beteiligter ins Studio des anderen. Läßt dann einer
nur seine Ideen einfließen, und die anderen schrauben? Wie geht
das ab?
Boris: Ist unterschiedlich. Mit S.U.N. Project
habe ich es in deren Studio gemacht und meine Lieblingsgeräte unter
den Arm geklemmt. Ich habe einiges eingespielt, und wir haben zusammen
solange daran gearbeitet, bis alle zufrieden waren. Hat echt Spaß
gemacht mit den Jungs. Geht demnächst wieder los. Was meine Geschichte
angeht, lief das so weiter, daß ich mich eine lange Zeit mit dem
beschäftigt habe, was man gemeinhin Goa-Trance nennt. Ich hatte
viel Spaß mit den Parties, den Live-Acts und so; aber irgendwann
ist dann auch mal gut, und man schaut nach neuen Horizonten. Da ich
schon immer mit Ambient-Sachen viel Spaß hatte, Tangerine Dream,
Klaus Schulze und die ruhigeren Kraftwerk-Sachen immer sehr gern gehört
hab, war es klar, daß ich mich auch in diese Richtug entwickeln
würde. Nach einigen Jahren ist das Galaxy-Album die Essenz daraus
geworden. Ich habe viele schöne Ambient-Stücke nicht herausgegeben
und gesammelt. Deswegen sind auch viele ältere Stücke auf
dem Galaxy-Album. Mir hat das sehr viel Spaß gemacht, und ich
hatte überlegt, ob ich nur noch mit anspuchsvolleren Electro-Sachen
weitermache, aber ich mußte feststellen, daß mir der Party-Spaß
im Drumherum fehlte. Das Waves-Album steht für mich für die
Zukunft, wie es nach Goa oder Psy-Trance, oder wie man das auch immer
nennen möchte, weitergehen könnte.
Pilz: Das Album findet recht gespaltene Aufnahme
...
Boris: Ich bin mir dessen vollkommen bewußt.
Pilz: Ich habe einen Freund, der bestimmte Erwartungshaltungen
an ein neues E.U.-Album hatte; und er sprach im Spaß von einer
"Mogelpackung". Das Cover mit der Welle geht ja schon fast
in Richtung Delphin-Fraktion, wenn du weißt, was ich meine; ihm
fehlt das Melodische, und der Beat ist ihm zu derb.

Boris: Zu was? (lacht)
Pilz: Zu derb. Ich finde das nicht, und denke
es ist gut, daß du endlich was anderes machst.
Boris: Es gibt bestimmt andere Leute, die solche
Erwartungen besser befiedigen können. Ich konnte mich mit der ganzen
musikalischen Entwicklung im Goa-Trance-Breich nicht mehr identifizieren.
Pilz: Es geht im Moment sowieso total auseinander
und entfaltet sich; und das ist auch sehr gut so.
Boris: In jedem Fall. Es gibt im Moment richtig
gute Techno-Sachen, Acid, House-Musik genauso. Für mich gibt es
in jeder Richtung gute Stücke; auch im Jungle oder im Jazz oder
Acid-Jazz. Überall gibt es Stücke, wo ich sage: Wow! Ich liebe
die Musik ansich, und es gibt in vielen Stilrichtungen gute Sachen.
Ich habe alles gehört als ich jung war, Reggae, Pop ...
Pilz: Und jetzt machst Du die musikalische Essenz
aus allem?
Boris: (lacht) Weiß nicht, ob man das
so sagen kann; egal. Ich kann gut verstehen, daß einige Leute
das nicht mögen; aber ich mußte endlich mal weiterschauen.
Früher haben mir viele Leute erzählt, daß ich nicht
so viele Melodien in meine Stücke machen soll; man kann es nie
allen recht machen. Auf dem Waves-Album sind nur Stücke, die ich
live getestet habe und die einige DJs für mich getestet haben.
Alle Stücke sind absolut Dancefloor-tauglich mit gutem Abgehfaktor.
Pilz: Was auch auffällt, ist, daß
das gesamte Album sehr fix ist. Du bewegst Dich immer um 145 beats.
Boris: Viele der Stücke sind für die
Live-Acts programmiert worden, und da ich oft nachts dabei war, muß
das in einer gewissen Geschwidigkeit laufen, um so ein bischen mitzuhalten.
145 ist eine Geschwindigkeit, die gut in den Trance-Bereich paßt.
Das reicht mir nun aber auch. Die neuen Sachen, die ich im Moment mache,
laufen alle bei 130 bis 135; ich mache wieder Electro-Sachen, wie es
gerade kommt. Das Lust-Prinzip.
Pilz: Die Cover zu den beiden Alben sehen sich relativ
ähnlich, daß man vermuten müßte, daß du deine
Finger im Spiel gehabt hast.
Boris: Das Galaxy-Cover hat Simon von BlueRoom
entworfen, und er hat echt was aufm Kasten; er macht Super-Sachen.
Mich hat das Cover sehr angesprochen, und ich hatte keine Lust mehr
auf den ewigen Fraktal-Dschungel mit dem Schwarzlicht. Deswegen etwas
Schlichtes; meine Freundin, Micky und ich haben das zusammengemacht.
Auf längere Sicht wollen wir auch im Grafik-Bereich mehr selber
machen, wobei es weniger meine Sache ist, als die meiner Freundin und
von Mickey. Ich bin wirklich gespannt, wie das Album insgesamt ankommt.
Die Israelis können nicht so drauf, aber dafür wird es wieder
andere Leute geben, die mit Electric Universe bisher nichts anfangen
konnten.
Pilz: Was ist deine Vision, die dich bewegt,
deinen Weg zu gehen?

Boris: Was mich treibt, ist ein sehr spiritueller
Aspekt, weil es möglich ist, gewisse Informationen und Inhalte über
die Musik zu transportieren und an andere Menschen weiterzugeben; Erfahrungen,
die ich mache und gemacht habe, zu vermitteln, meinen winzigen Teil beizutragen,
alles auf diesem Planeten etwas besser zu machen. Wenn jeder seinen Teil
dazu beiträgt, daß es positiv weitergeht, haben wir alle eine
reelle Chance. Jeder hat seine Aufgabe. Ich versuche, schöne Musik zu
machen und positive Energie zu vermitteln.
