jan 09, 2000

Rituale - Magie - Politik

Cybertribe Visionen

Text: N.W.

taken from mushroom magazine #56 jun 99

Rituale haben gleichermaßen als eigenständiges Ereignis, wie auch als Element von Festen mehrere Funktionen. Sie sollen dazu beitragen, innere Mauern zu überwinden und eine zwischenmenschliche Nähe zu entwickeln. Sie dienen zudem zur Konzentration von Energien und zum bewußten Erkennen, Erfahren und Beeinflussen verschiedenster Abläufe. Der magische Charakter vieler Rituale ist dabei weder ein Ergebnis übernatürlicher Einflüße noch eine Folge abergläubischer Einstellungen. Vielmehr ist die Magie, wie die Hexe Starhawk sagt, die Kunst, die unsichtbaren durch die Welt strömenden Kräfte zu spüren und zu gestalten, um tiefere Bewußtseinsschichten zu wecken. Rituale können in vieler Hinsicht in die gesellschaftliche Realität eingreifen. Ganz konkret geschah dies mehrfach während der im wesentlichen von einem Frauenfriedenscamp getragenen Blockade der NATO-Air-Base von Greenham Common. Das direkt neben der Air Base errichtete Camp wurde zu einem Symbol für den Widerstand gegen die Stationierung von Cruise-Missile-Raketen in England und darüber hinaus für den Widerstand gegen das herrschende patriarchale System.
Im Dezember 1983 organisierten Frauen aus dem Camp unter dem Motto "Sounds around Greenham" eine ritualhafte Aktion. Sie riefen dazu auf, mit Klangkörpern jeglicher Art gegen die Air Base symbolhaft anzuspielen. Zudem waren Schweigeminuten geplant, die von gemeinsamen Gesängen abgelöst werden sollten. Ein weiteres Element des Rituals war ein Tanz der beteiligten Frauen im umliegenden Wald und um die Air Base herum, sowie die "Umgarnung" der Zäune mit Wollfäden. Rund 50.000 Frauen folgten dem Aufruf. "Sie umschlossen und überschwemmten die Base. Ihre Hände griffen in den Maschinenzaun. Sie zogen und rüttelten bis der Zaun mitsamt den Zementpfosten wankte, herausriß und zusammenbrach. Begleitet vom Gesang der Glocken und Pfannen, auf denen getrommelt wurde und von Singen und Geheule. Die Autoritäten rächten sich mit stählerner Gewalt. Aber die Frauen sangen: "Alt und stark geht sie weiter und weiter. Du kannst ihren Geist nicht töten. Sie ist wie ein Berg...!"
Besonders für Feste mit vielen TeilnehmerInnen entwickelte der Hexenzirkel Ursa Maior in der ersten Hälfte der siebziger Jahre ein Körperritual, das bei einem Frauenfest und in etwas veränderter Form bei einem gemischten Fest zur Sommersonnenwende mit vierzig bzw. hundertfünfzig Beteiligten durchgeführt wurde. "Es ist politisch wichtig, Kontrolle über unsere Körper zu erlangen, indem wir ihn lieben, für ihn sorgen und ihn heilen, ihn stark machen und Bande der Liebe zwischen den Körpern schaffen. Deshalb brauchen wir ein Ritual, daß unsere Selbstliebe bestätigt, uns heilt, uns stärkt und unsere Sexualität positiv verstärkt."
Das Ritual begann mit dem Aufbau eines großen Kreises durch einen Geburtsritus. Zwei Frauen "bildeten mit ihren Armen einen Bogen und jede Frau lief hindurch und schloß sich der Reihe an, um die Hälfte eines neuen Bogens zu bilden, bis ein langer Tunnel entstand. Jede hindurchkommende Frau wurde von jedem Paar im Tunnel umarmt, geküßt und bekam gesagt: Durch Frauen wurdest du in diese Welt geboren. Durch Frauen wirst du in diesen Kreis geboren." Dem Geburtsritus folgten einige Lieder, Gedichte und Tänze, die sich mit dem Verhältnis der Frauen zu ihrem Körper auseinandersetzten. Die patriarchale Herrschaft bewirkte über die Jahrhunderte, daß gerade in der gegenwärtigen Zeit viele Frauen ein völlig entfremdetes Verhältnis zu ihrem Körper haben. Besonders deutlich wird dies im Zusammenhang mit der Menstruation, die, entsprechend der Werbung der großen Konzerne, von einer großen Anzahl Frauen als etwas negatives und unreines empfunden wird. Dadurch wird verhindert, daß die natürlichen Vorgänge im eigenen Körper als solche akzeptiert werden und die mit der Menstruation verbundenen Energien erkannt und genutzt werden. Die Lieder und Gedichte zielten darauf, über die Schaffung und Nutzung von symbolhaften Bildern ein verändertes Bewußtsein und ein neues Verhältnis zum Körper zu erlangen, um die herrschenden Definitionen aufzubrechen und zu überwinden.
Am Ende des Rituals nahm eine Frau ein rotes Garn und reichte es im Kreis herum bis alle miteinander durch "dieselbe Nabelschnur, durch dasselbe Blut mit derselben Mutter, denselben Schwestern verbunden" waren. Danach wurde das Garn aufgeschnitten und jeder Frau, als Zeichen der Verbindung, ein Stück davon umgebunden...

N.W.

Aus dem Buch: Wolfgang Sterneck (Hg.) "Cybertribe-Visionen".
Erhältlich unter 06 181- 24 777.