GHB
Liquid Ecstasy
Text: Rüdiger Schmolke (ecstasy projekt)
(taken from mushroom magazine #58 aug 99)
Im Sommer vergangenen Jahres warnte der damalige Bundesdrogenbeauftragte (wieder mal) vor einem "totalen Horrortrip": Dealer verkauften eine neue illegale Droge unter skurrilen Namen, es handele sich "wie bei Ecstasy-Tabletten um eine höchst gefährliche Substanz" und man habe Leute verwirrt gegen Wände laufen sehen. Die Konsequenz könne da nur heißen: "Wir müssen den Dealern das Handwerk legen". Freilich ist es bis heute niemandem gelungen, die Produzenten illegaler Stoffe von ihrem lukrativen Tun abzuhalten und eher anzunehmen, daß die Presseerklärung des Drogen-Sachbearbeiters im Ministerium vor allem eines bewirkte: eine Menge Techno-Freaks für das Zeug zu interessieren, daß einige Extremerfahrungen verspricht. Und so geistern seit einiger Zeit kleine Ampullen oder Fläschchen über die Szene, die einerseits von einigen Leuten, die damit einen guten Profit machen, extrem gepusht werden und die andererseits auf eine Menge Party-People treffen, die wenig oder gar nicht wissen, was sie erwartet und worauf sie achten sollten.
Worum also geht's? Der Stoff heißt GHB (Gamma-Hydroxy-Butyrat oder 4-Hydroxy-Buttersäure, engl. GBH), findet sich (in sehr geringen Mengen) auf natürliche Weise im menschlichen Körper (auch in einigen Früchten, z.B. in Guave) und wurde zuerst 1960 voll synthetisch hergestellt. Die Ärzte waren dabei auf der Suche nach einem Mittel gegen Depressionen und Angstzustände. GHB ist ein Narkotikum, also ein Betäubungsmittel im eigentlichen Sinne (allerdings ohne schmerzstillendes Potential), das in geringen Dosierungen auch euphorisierende Wirkungen hat und zusätzlich viele andere Drogen verstärkt wirken lässt. In seiner Struktur ähnelt es den Amphetaminenderivaten überhaupt nicht und erzeugt auch keine entaktogenen Effekte wie Ecstasy! Der geläufige Szene-Name "Liquid Ecstasy" ist eine billige Nummer der Produzenten, um durch Mundpropaganda mehr schlecht als recht informierte Raver vom spirituellen Potential von GHB zu überzeugen. Verwechselt GHB auch auf keinen Fall mit flüssigem MDMA (oder gar Liquid Acid), das eher selten ist, schwer zu bekommen und von dem in aller Regel ein Tropfen genug sein muß (und entsprechend teuer ist)!
Arzneimittel, die GHB als Wirkstoff enthalten, werden heute vor allem in der Intensivmedizin (z.B. zur Nachbehandlung von Schädel-Operationen und gegen zu hohen Schädelinnendruck (!)), gegen Narkolepsie ("Tagesschläfrigkeit") und Alkoholentzugs-Delirien angewendet, in seltenen Fällen auch zum Opiatentzug (allerdings hauptsächlich außerhalb Deutschlands). Daneben findet es auch Verwendung in der Geburtshilfe, während man vom Gebrauch als Narkosemittel (dann hoch dosiert und in Kombination mit anderen Betäubungs- und Schmerzmitteln) immer mehr abgekommen ist, da Patienten über die psychoaktiven Nebenwirkungen berichteten und die wirksame Dosis von Person zu Person sehr unterschiedlich ist. Nur bei Kindern wird es manchmal noch verwendet. Dass GHB sowohl als Narkotikum als auch gegen Narkolepsie eingesetzt wird, sagt wohl einiges über sein paradoxes (widersprüchliches) Wirkspektrum aus. Seine euphorisierenden Effekte sind oft relativ subtil und auch die erwünschte Dosis für eine hypnotische Wirkung ist oft nur schwer zu ermitteln. Die Wahrscheinlichkeit von besonders tiefgehenden Psycho-Navigationen durch GHB allein ist nicht so groß wie bei Psychedelika. Aber GHB reizt viele, die eine "neue" Erfahrung suchen und kann (vor allem bei Mischkonsum) dazu führen, dass vor allem unerfahrenere User in arge Verarbeitungsprobleme kommen... - daneben gibt's eine Reihe von körperlichen Risiken.
In den USA bis 1990 rezeptfrei erhältlich erlangte GHB dort und in Großbritannien Ende der 80er eine recht große Verbreitung in der Bodybuilder-Szene, da es den Muskelaufbau zu beschleunigen scheint. Dann wurde der freie Verkauf eingeschränkt und 1997 wurde GHB in Teilen der USA als illegale Droge eingestuft. In Europa und dem Rest der USA wird es weiterhin in kleinem Umfang im medizinischen Bereich verwendet. Daneben aber wurde es in der Party-Szene in den USA und in Großbritannien als Tanzdroge populär und die Anzahl der User wächst seit einigen Jahren stetig (z.B. gaben letztes Jahr knapp 9% der Club-Besucher in Manchester an, GHB in den letzten 30 Tagen genommen zu haben). Verstärkt seit Beginn letzten Jahres wurde GHB auch in Deutschland unter den Namen "Liquid XTC", manchmal auch als "Fantasy" oder "Gamma" angeboten (im englischen auch "Salty Water", "Soap", "Cherry Meth" u.v.m.).
GHB ist bisher in aller Regel flüssig auf dem deutschen Markt aufgetaucht, in anderen Ländern auch als Pulver (in Kapseln) oder Pille. Der Preis für GHB hat sich noch nicht eingependelt, da der Stoff noch sehr ungleich verteilt auftaucht, gehört haben wir von Einzeldosen für DM 10,- bis 40,-. Die Herstellung ist spottbillig und die Ausgangsstoffe (noch?) legal. Der Stoff ist geruchs- und farblos (manchmal aber auch eingefärbt) und schmeckt leicht seifenartig und salzig. Getrunken erinnert GHB an Salmiak und dieser Nachgeschmack hält über längere Zeit an. Das Einsetzen der Wirkung beginnt ca. 10-30 min. nach der Einnahme, die übliche Dosis liegt zwischen einem und 2,5g. Da das Zeug zumeist als Flüssigkeit verfügbar ist, ist aber die Konzentration des Stoffes in der Regel nicht mehr zu ermitteln! Berichtet wurde von Fläschchen ab 10ml und von wirksamen Dosen ab 5ml (etwa ein Teelöffel), je nach Lösungskonzentration kann die Schwellendosis jedoch erheblich höher liegen.
Die Wirkdauer von GHB beträgt 2-4 Stunden, in Einzelfällen aber erheblich länger (bis zu einem ganzen Tag!). Bei geringer und mittlerer Dosis vermittelt GHB ein Gefühl der Entspannung, leichter Trunkenheit und Beschwingtheit, gleichzeitige sexuelle Stimulation nicht ausgeschlossen (vor allem bei geringen Dosen). Teilweise wird von einer Sensibilisierung des Tastsinns berichtet. Hohe Dosierungen aber können zu Orientierungslosigkeit (durch nachlassende Konzentrationsfähigkeit) und motorischen Problemen (Muskelerschlaffungen), aber auch zu Übelkeit und Muskelverspannungen führen. Wer sich richtig overdosed, schießt sich in den Zustand der Bewußtlosigkeit. In seltenen Fällen kommt es auch vor, daß GHB-User vorübergehend in einen Zustand "periodischer Atmung" (schnelle Atemfolge und lange Atempausen wechseln sich ab) geraten, der aber ohne weiteres Zutun wieder nachläßt. In einigen Fällen in den USA und Großbritannien ist es zu Todesfällen durch Atemstillstände gekommen, die man wahrscheinlich auf Wechselwirkungen mit Alkohol oder anderen Drogen (insbesondere Opiaten) zurückführen muß. Bis heute ist nicht bekannt, welche Rolle genau GHB im menschlichen Körper spielt. Wahrscheinlich handelt es sich um einen Neurotransmitter. Der Rezeptor, an dem GHB im zentralen Nervensystem wirkt, ist aber noch nicht identifiziert, so dass man Langzeitwirkungen nicht systematisch erforschen kann.
Beim Spritzen des Stoffes, wie in der medizinischen Anwendung üblich, erhöht sich das Wirkpotential auf ungefähr das Vierfache gegenüber oralem Gebrauch, die Wirkung setzt schon nach 2-10 min. ein und entfaltet sich sehr viel schneller. Vom injizieren raten wir generell ab: Mit dem Wirkpotential multiplizieren sich auch die Risiken und im klinischen Bereich ist schließlich immer professionelle Hilfe gewährleistet. Bei illegal erworbenem GHB ist vor allem aus Gründen der kaum zu ermittelnden Stoffkonzentration und daher schlechten Steuerbarkeit ein zusätzliches Risiko vorhanden.
Safer-Use
Vorsicht bei Mischkonsum: GHB kann in Wechselwirkung mit anderen Drogen eventuell zu Atemdepressionen (Aussetzen der Atmung) oder epileptischen Anfällen führen, da es deren Wirkung extrem verstärken kann. Berichtet wurden solche Fälle bisher vor allem bei Kombination mit Alkohol, Opiaten oder anderen Beruhigungsmitteln. Vorsicht aber auch in Kombination mit anderen Substanzen: GHB verstärkt auch deren Wirkung und wird daher in englischsprachigen Ländern oft systematisch zum Nachlegen gebraucht. Es ist jedoch nicht ausreichend erforscht, als daß man Risiken bei bestimmten Kombinationen ausschließen könnte.
Da GHB ab einer gewissen, individuell sehr verschiedenen Dosis zu Schlaf oder auch zu Orientierungslosigkeit führt, sollte die Droge nicht allein konsumiert werden (Verletzungsgefahr, evtl. auch ohne es zu merken!). Um diese Arten von unerwünschter Überdosierung zu vermeiden, hilft nur eine absolut verläßliche Auskunft über Konzentration des Stoffes (wohl nur selten möglich) oder aber das Antesten einer geringen Menge. Es kann auch helfen, nur einzeln abgepackte Konsumeinheiten zu nehmen und zu teilen, Schlücke aus größeren Flaschen dagegen zu vermeiden. Generell halten wir es für das Beste, eine sehr kleine Menge anzutesten und mehrere Stunden abzuwarten, um individuelle Unverträglichkeiten abzuchecken und sich an die neue Erfahrung heranzutasten - less is more! Viele User empfinden die GHB-Wirkung als sehr unterschwellig - nicht gleich nachlegen, weil der Stoff nicht so kickt, wie erhofft!
Im Zusammenhang mit GHB kann es zu derben Szenen kommen, wenn Leute Anfälle kriegen, zusammenbrechen oder einfach nur kotzen müssen. Denkt mal daran, dass das z. B. auch bei allein Alkohol passieren kann. Zu helfen und evtl. einen Arzt zu rufen kann manchmal notwendig und je nach Situation eure verdammte Pflicht sein. Die Nieren werden beim Gebrauch von GHB zusätzlich belastet. Daher gilt: Während der Wirkung und am Tag danach ausreichend trinken (am besten mit Elektrolyten und Mineralien, keinen Alk). Wenn Deine Nierenfunktion beeinträchtigt ist, solltest Du auf GHB verzichten. Auch Personen mit Herzbeschwerden und Bluthochdruck tragen ein erhöhtes Risiko (bedenke: auch Amphetamine steigern oftmals den Blutdruck!).
GHB ist sehr einfach herzustellen. Das führt dazu, daß auch viele Leute panschen, die mit der Produktion von illegalen Sachen bisher keine Erfahrung haben. GHB unterliegt nicht dem Betäubungsmittel-, wohl aber dem Arzneimittelgesetz. Wer GHB abgibt oder verkauft, macht sich strafbar!
Want more infos?
www.lycaeum.org/
www.erowid.org/entheogens/ghb
Das ecstasy project sucht DrogenkonsumentInnen aus dem Raum HH, die Lust haben, sich über Erfahrungen auszutauschen und/oder sich (noch) schlauer über alte und neue Drogen zu machen:
phone 040-248 000 (Di.&Fr., 10-17 Uhr)
Rüdiger Schmolke