sep 14, 99
Chemie für die Seele
Auszug aus dem Buch von Josef Zehentbauer
Wie wirken psychoaktive Stoffe (u.A. Psycho-Drogen) beim Menschen,
wie werden sie in der Psychatrie eingesetzt?
Psychoaktive Stoffe werden verwendet um die gesitig-seelische Verfassung
(z.B. Stimmung, Emotion, Wahrnehmung) zu beeinflussen oder zu verändern. Es können synthetische oder natürliche (pflanzliche - selten tierische)
Substanzen verwendet werden.
Im pharmazeutischen Sinne sind Drogen solche
Arzneien, die (durch Trocknung) aus Pflanzen gewonnen werden.
"Psychopharmaka" und "Psycho-Drogen" werden als gleichwertige Begriffe
verwendet. Ähnliches gilt auch für "psychotrope" bzw. "psychoaktive"
Substanzen. Sämtliche "Psycho-Drogen" - ob Valium oder Haloperidol, ob
Alkohol, ob Nikotin oder Kokain - wirken an den Zellen ds Gehirns, vor
allem an den Nervenzelen, den sogenannten Neuronen. Milliarden dieser
Nervenzellen sind durch "Umschaltstellen" (Synapsen) netzartig dicht
miteinander verbunden und bilden die Grundlage für die
Informationsübertragung im Gehirn. Die Nervenzellen spielen dabei eine
zentrale Rolle, da sie für Aufnahme, Speicherung und Weiterleitung von
Informationen zuständig sind. Eine Nervenzelle steht mit einigen
zehntausend anderen über die Synapsen in Verbindung. Der Mensch besitzt
durchschnittlich 10-20 Milliarden dieser Nervenzellen im Gehirn.
An den
Synapsen erfolgt die Informationsweiterleitung, entweder durch Erregung
oder durch Hemmung, dabei sind Botenstoffe (Neurotransmitter oder
Überträgerstoffe) von entscheidener Bedeutung. Es gibt mindestens fünfzig,
wahrscheinlich sogar hundert oder mehr dieser Botenstoffe. Die bekanntesten
heissen Noradrenalin, Dopamin, Serotonin, GABA, Glutaminsäure, Histamin. Zu
den Botenstoffen gehören auch Neuro-Hormone; besonders erwähnenswert sind
hier die Endorphine. Sie sind das körpereigene Morphium. Die körpereigenen
Endorphine, sowie das von außen zugeführte Morphium wirken offenbar an
denselben Zellrezeptoren und erreichen den gleichen (oder sehr ähnlichen)
Effekt: sie sind schmerzlindernd und stimmungshebend bis euphorisierend.
In das fein abgestimmte Geschehen der Informationsweiterleitung greifen
offenbar die Psychopharmaka ein: die Wirksamkeit bestimmter
Überträgerstoffe scheint entweder blockiert zu weren (z.B. Neuroleptika)
oder verstärkt. Psychopharmaka verändern jeoch nicht nur die Konzentration
von Überträgerstoffen im Gehirn, sondern sie wirken auf das Nervensystem
des gesamten Körpers. So lassen sich die unterschiedlichen, teils
weitreichenden Nebenwirkungen erklären. Werden Psychopharmaka nur
kurzzeitig (Tage oder wenige Wochen) genommen so scheint das Gehirn, nach
dem Absetzen der Medikamente, bei den meisten Betroffenen in der Lage zu
sein, die pharmakologisch verursachten Störungen wieder weitgehend
rückgängig zu machen. Dies ist wohl auch der Grund dafür, daß bei
einmaliger oder gelegentlicher Einnahme starker Psychopharmaka (z.B. LSD)
offenbar keine dauerhaften Hirnschäden beobachtet wurden.
Nicht alle
Psychopharmaka werden in Medizin und Psychatrie eingesetzt. In erster Linie
sind es Antidepressiva und Neuroleptika, die zur Behandlung schwerer
geistiger Störungen oder Abweichungen eingesetzt werden. Antidepressiva
z.B. sollen imstande sein, den Lebesantrieb zu steigern, eine tiefe
Melancholie wegzunehmen. Neuroleptika sollen Erregungszustände,
Halluzinationen und Wahnvorstellungen beseitigen. Der Direktor der
Freiburger Universitätsklinik faßt die Neuroleptika und die meisten
chemischen Antidepressiva unte dem Begriff "Psycholeptika" zusammen und
stellt sie auf eine Stufe mit den sogenannten klassichen psychatrischen
Behandlungsverfahren, wozu er Kardiazol-, Insulin-, oder Elektroschocks
rechnet:
"Das Wirkungsprinzip der Psycholeptika ist letzlich ähnlich wie das der
sog. klassischen psychatrischen Behandlungsverfahren, nämlich, daß man mit
ihrer Hilfe bei psychisch Kranken eine zusätzliche somatische Erkrakung
erzeugt....Aus dem Gesagten ergibt sich, daß sich die Behandlungsformen
nicht nur formal, sondern auch inhaltlich stark ähneln....Man kann also
alle psychatrischen behandlungen auf einen Nenner bringen."
Antidepressiva und Neuroleptika haben eines gemeinsam: Sie passen äußeres
Verhalten an Normen an oder sollen diesen Anpassungsprozeß zumindest
unterstützen, was nicht selten unter Zwang und gegen den Willen des
Betroffenen geschieht. Das seelische Wohlbefinden vor, während und nach
einer Behandlung interessiert in der Psychatrie erst in zweiter Linie.
Und
fast schon agressiv klingt die Sprache, in der ein Standardwerk der
Psychopharmaka-Therapie die Beeinflussung der gestörten Psyche beschreibt:
"So lassen sich im augenblicklichen Stand der Entwicklung der
psychomotorische Erregungszustände z.B. mit Laevomepromazin, psychotische
Zustände mit Haloperidol....beherrschen."
Oder: "....denn es gelingt auch mit stark wirksamen Neuroleptika allein z.B. einen
Katatoenen Stupor zu durchbrechen."
Oder:
"Zur schnellen Dämpfung sind intra-muskuläre Injekltionen empfehlenswert."
Hiermit assoziiert man eher eine rigerose Unterdrückung und Amputation von
Symptomen der "ge-kränkten" Psyche denn eine behutsame Zurrechtrückung
eines aus dem Lot geratenen Gleichgewichts. Wie schon angedeutet: Die
Anwendung überhaupt und die Dosierung innerhalb der herkömmlichen
Psychatrie hängen weniger vom subjektiven Leidenseindruck des einzelnen ab
als vom Grad der äußeren Verhaltensabweichung: Je "selbstmordgefährdeter"
der Depressive ist, desto höher muß angeblich das Antidepressivum dosiert
werden, je "verrückter" ein Mensch sich verhält, desto intensiver wird mit
potenten Neuroleptika gedämpft. Zeichen, Signale oder gar offener Protest
eines Menschen in einer psychischen Verstimmung oder einer schweren
psychischen Krise - häufig nur indirekt oder verschlüsselt der Umwelt
signalisiert - können durch den "normalisierenden" Einfluß von
Psychopharmaka bis zur Unkenntlichkeit verschleiert, ja so sogar ganz
beseitigt werden.
Ebenfalls medizinisch verordnet, meist jedoch freiwillig und oft sogar ohne
ärztliche Beratung eingenommen werden die Psychopharmaka der Gruppe der
Schlafmittel und Tranquilizer. Die Gründe, warum man Hilfe in der Chemie
sucht sind vielfältig. Meist sind es Lebenssituationen, die als Bedrückend,
beängstigend oder beunruhigend empfunden werden. Selbst wenn einem diese
Gründe bewußt geworden sind und man sie ändern wollte, sind sie doch oft
aktuell nur schwer zu ändern. So machen diese Psychopharmaka schlimme, aber
momentan unabänderliche Lebensumstände erträglich, indem sie
Niedergeschlagenheit, Angst und Unruhe abschwächen oder Schlaflosigkeit
durch Betäubung aufheben.
Nur selten kann eine dosierte Anwendung von
Tranquilizern eine bewußte Steigerung der Lebensqualität bewirken. Auf
Dauer führen Tranquilizer ebenfalls zu einer Anpassung an belastende
Umweltfaktoren (Arbeit, Familie, Schulem Wohnsituation...). So wird ein
Weiter-Funktionieren ermöglicht, obwohl Körper und Seele des Menschen
eigentlich mit vielfältigen Symptomen gegen belastende Lebensumstände
rebellieren.
Psychostimulantien und Euphorika werden - als sogenannte Drogen - meist
freiwillig genommen. Je nach Art und Weise des Gebrauchs ist ihre Wirkung
zweischneidig: Sie könen Anpasung erleichtern oder einen befreienden Effekt
haben. Tatsächlich werden Aufputschmittel in der Regel dazu verwendet,
übermenschliche Arbeitsanforderungen erfüllen zu können, die einem
abverlangt werden. Andererseits können Psychostimulantien auch zu einem
selbstbestimmten Zeitpunkt und Zweck außergewöhnliche Kräfte freisetzen und damit extreme, aber freiwillige Leistungen ermöglichen.
Ähnlich verhält es sich mit Euphorika wie Alkohol, Cannabis, etc. Meist
dienen sie zum "Abschalten" vom belasteten Alltag oder "Lösung" von
Problemen, der Betäubung von Trauer, Unlust- oder Sinnlosigkeitsgefühlen.
Und im "Himmel" des Rausches verschwimmt, was einen traurig, wütend,
frustiert... Und doch ist es vorstellbar möglich , daß Euphorika -
ausgehend von einem ausgeglichenem Befinden - etwas erzeugen könn, das man
sucht, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Lust: angenehme Gefühle,
gehobene Stimmung, rauschhafte Träume, Schwerelosigkeit.
Aus der Reihe
fallen "Halluzinogene", zur Anpassung taugen sie gewiß nicht. Gefühle,
Empfindungen, geistige Zustände und Bewußtsein können gesteigert oder sogar
"erweitert" werden. Sie können verborgenes in der menschlichen Psyche
sichtbar machen. Und es scheint, daß die materiell gebundene Existenz des
Menschen im Hinblick auf dein Bewußtsein befreien können - allerdings nur
für kurze Zeit und nicht ganz risikolos.
...und pflanzliche Psychopharmaka? Obwohl sie nachweisbar eine beachtliche
Wirkung entfalten, werden sie von der Schulpsychatrie mißachtet. Einige
wenige pflanzliche Psychopharmaka (z.B. Kokain, Reserpin) unterscheiden
sich hinsichtlich tiefgreifender und nebenwirkungsreicher Eigenschaften gar
nicht so sehr von vergleichbar wirkenden synthetisch-chemischen Mitteln.
Die Mehrzahl der psychisch wirksamen Pflanzendrogen wirken jedoch
grundsätzlich eher in sanfter Weise regulierend und weitgehend frei von
Nebenwirkungen auf das, was man gesundes seelisches Gleichgewicht nennen
könnte.
Ähnliches gilt für die homäopathischen Mittel, deren Anwendung
jedoch individueller ausgerichtet ist.
LSD (Halluzinogene) als Droge und in der Psychatrie:
"Nachdem ich LSD eingenommen hatte, kam ich in einen merkwürdigen Zustand..
Wenn ich die Augen schloß konnte ich mir wünschen, was ich wollte, und
alles schien schön farbig und plastisch zu sein." So breichtet der
Schweizer Prof. Albert Hofmann über den ersten "kleinen" LSD-Rausch eines
Menschen.
Hofmann ist der Erfinder von LSD-25, das lange unter dem
Handelsnamen Delsyd vertrieben wurde; auf dem damaligen Beipackzettel
empfahl die Herstellerfirma unter anderem:
"a) zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie
b) Experimentelle Untersuchung über das Wesen von Psychosen:
Delsyd vermittelt dem Arzt im Selbstversuch einen Einblick in die Ideenwelt
des Geisteskranken und ermöglicht durch kurzfristige Modellpsychosen bei
normalen Versuchspersonen das Studium pathogenetischer Probleme"
Körpereigene Drogen
Beruhigung und Extase durch körpereigene Drogen
Wenn wir psychisch stark beeinflußt werden (etwa in einer angstmachenden
Situation) oder einer körperlichen Veränderung ausgesetzt sind
(beispielsweise einer akuten Verletzung), dann ändern sich auch -
neuropphysiologisch gesehen - die biochemischen Vorgänge im Gehirn, ändern
sich die Konzentrationen und Wechselwirkungen der informationsübertragenden
Botenstoffe (Transmitter).
Um nach einer schweren Verletzung die extremen Schmerzen erträglicher zu
machen, könnten eventuell starke Schmerzmittel - wie Opium oder Morphin -
eingenommen werden.
Doch das Gehirn mobilisiert selbst transmitterähnliche,
körpereigene "Morphine", die Endorphine um damit Schmerzen zu lindern.
Manche Menschen haben - sogar bei schlimmen Verwundungen - kaum Schmerzen:
bei ihnen hat das Gehirn sehr rasch und großzügig hirneigene "Morphine" zur
Schmerzbetäubung und seelischen Beruhigung freigesetzt.
Die im menschlichen Körper produzierten "Morphine" und das Morphin der
Mohnpflanze entfalten ihre Wirkung im menschlichen Gehirn an denselben
Rezeptoren (=Informationsempfänger). Es ist schon erstaunlich, daß in zwei
so unterschiedlichen Lebewesen - im Menschen und in der Mohnpflanze - solch
wichtige Substanzen gleichartig sind.
Wenn der Mensch geboren wird hat er bereits "Morphine" oder exakter
"Endorphine" im Körper. Und es gibt Hinweise, daß das menschliche Gehirn
nicht nur über Endorphine verfügt, sondern auch über körpereigene
(Kokain-ähnliche) Stimulantien und über angstlösende (Valium-ähnliche)
schlaffördernde Substanzen. Die angstlösenden chemischen Tranquilizer
(Valium usw.) wirken - so scheint es - hauptsächlich auf Rezeptoren im
sogenannten Limbischen System (einer Hirnregion, die Teile des Thalamus und
Hypothalamus umfaßt, und wo Antrieb, Agression, Lust und emotionales
Verhalten gesteuert werden). Diese Hirneigenen Tranquilizer-ähnlichen
Substanzen benötigt der Körper, um übermäßige Angstzustände und panisches Verhalten unter
Kontrolle zu bringen.
Einige der im Körper produzierten Drogen enthalten gleichsam Verstärkung,
wenn morphin-haltige Tinkturen oder Valiumpillen geschluckt werden. Eine
solche exogene (von außen zugeführte) Unterstützung durch Drogen lähmt auf
Dauer jedoch die hirneigene "Drogenproduktion". Schließlich ist das Gehirn
immer mehr auf die exogene Zufuhr dieser Stoffe angewiesen.
Hieraus ergibt
sich eine Erklärung, warum sich bei Dauerkonsum von Opiaten oder chemischen
Tranquilizern eine Gewöhnung oder Sucht bildet.
Außer den bisher genannten hireigenen "Drogen-Arten" gibt es zweifelslos
auch stimmungshebende und euphorisierende (Cannbis- oder alkoholähnlich)
Stoffe im Körper, sowie rauscherzeugende und psychodelische (LSD-ähnliche)
hirneigene Drogen.
Über die hirneigenen Drogen kann der Mensch eigentlich jederzeit gebieten,
indem er sie durch bestimmte - spontane oder gezielte - Signale aktiviert
und wirksam werden läßt.
Solche gezielte Signale lassen dich durch
bestimmte "Techniken" auslösen oder durch außerordentliche
selbst-herbeigeführte Zustände, durch Hyperventilation, Schlafentzug,
längeres Fasten, durch exzessive Reizüberflutung, bzw. Reizentzug, oder
durch konsequentes, mehrtägiges Vermeiden jeglicher zwischenmenschlicher
Kommunikation, durch lebensgefährliche Dauerbelastungen (Steilwandklettern,
usw..), durch strenge Monotonie, Marathon-Laufen oder stundenlanges
unbewegtes Sitzen (z.B. Zazen-Übungen im Zen-Buddhismus), durch gelenktes
Träumen, durch eindringlich-rhytmische oder "psychodelische" Musik, durch
ekstatsiches Tanzen...
Unser Gehirn ist universal: hirneigene Psycho-Drogen könenn uns beruhigen
oder uns zu weiten Flügen durch ungeahnten Sphären verhelfen.
Josef Zehentbauer
Chemie für die Seele
erschienen im ZENIT Verlag
http://www.zenit-verlag.de