december 1997
Udo Herzog
Politik und Kunst
Text: Mat Mushroom
Kunst war immer schon herausfordernd, hat neue Wege in unserer Gesellschaft geebnet, Anstöße gegeben...
Als vor einigen Jahren der konsumfreudige Technobürger entdeckt wurde, meinten Demoskopen zu wissen, Technomusik sei unpolitisch, ergo mache uns zu willenlose Genießer einer neuen Zeit.
Trance-Techno, Psychedelic Trance liebe Meinungsforscher, ist jedoch hochpolitisch und das nicht nur in Israel - hier bei uns.
Der Hamburger Udo Herzog ist aktiver und politisch engagierter Trancer, der Parties nicht veranstaltet oder dekoriert, weil gerade noch ein Termin frei war, sondern weil er etwas bewegen möchte...
Neben dem selber herstellen von UV-aktiven Bildern fotografiert Udo auch leidenschaftlich gerne Deko. Die schönsten 15 Werke und Fotos zeigen wir Euch auf dieser Seite.
Pilz: Wie bist Du eigentlich in die Tranceszene "reingerutscht"?
Udo: Im Jahre 1995 reiste ich von Neapel kommend mit Bus und Eisenbahn quer durch Indien und wollte mich am paradiesischen Strand in Goa erholen und die vielen verschiedenartigen Eindrücke, die ich gewonnen hatte, in Ruhe verarbeiten. Eines nachts geriet ich auf eine sogenannte Goa-Party. Hunderte von Menschen, verschiedenster Hautfarbe & Nationalität tanzten in einem Urwaldabschnitt nach einer Musik, die ich zuvor noch nie gehört hatte. Es erschien mir wie ein Schamanentreffen, welches ich zu diesem Zeitpunkt nicht annähernd verstehen konnte, was mir im ersten Augenblick auch unheimlich war und ich zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht einsteigen konnte. Erst etwas später wurde mir klar, da hier ein "Feldversuch" mit psychedelischen Hilfsmitteln, Tanz und elektronischer Musik durchgeführt wurde, der das Bewußtsein des Teilnehmers grundlegend veränderte.....
Pilz: Du verbindest mit Deinem Namen immer die "Gesellschaft für operative Kunst". Was hat es damit auf sich?
Udo: Die operative Kunst ist ein Noteingang in einer Zeit, in der das menschliche Bewußtsein durch Fernsehen, Werbung und Privatmedien überschwemmt wird. Der Künstler, der seit der primitiven Höhlenmalerei zum geistig kulturellen Wachstum der Gesellschaft beigetragen hat, ist aufgerufen, in gesellschaftspolitische Prozesse einzugreifen und seine Arbeit zur sozialen Thematik in Beziehung zu setzen. Die Gesellschaft wird zur Leinwand, an der der operative Künstler seinen Eingriff vornimmt und somit den Heilungsprozeß fördert. Techno / Trance ist ein operativer Eingriff! "Die Gesellschaft für operative Kunst" wurde 1996 von internationalen Künstlern gegründet, und versucht, verschiedenste Gruppierungen zu vernetzen, um dann gezielt Operationen durchzuführen. Ziel ist es, die Wahrnehmung in Systemen so zu verändern, daß ein anderes Verhältnis von Theorie und Praxis, von Denken und Gestalten, möglich wird.
Pilz: Du setzt Dich politisch für das Gebäude in der Essener Straße (HH-Langenhorn)ein, in dem vor etwa einem Jahr die U-Site-Parties stattfanden. Erzähl bitte ein wenig über diese Aktivitäten und was bis jetzt daraus geworden ist.
Udo: In der Essener Strasse in Hamburg befindet sich ein Gelände, auf welchem schon vor dem zweiten Weltkrieg in geheimer Mission Munition und Sprengsätze hergestellt wurden. Im Krieg diente es als KZ Außenlager in dem osteuropäische und jüdische Frauen zu Zwangsarbeit herangezogen wurden. Das Gelände ist immer noch im Besitz der Firma, die früher dort Zwangsarbeiter beschäftigt hat und wollte ein unter Denkmalschutz stehendes Haus zwecks Profitmaximierung entkernen. In den letzten Jahren hatte sich diese Haus aber durch die Arbeit einiger Künstler zu einem "offenen Haus" entwickelt, welche der Meinung sind, daß dieses Haus aufgrund seiner Geschichte nur zu Kulturzwecken genutzt werden darf. Das Konzept und die Arbeit wird inzwischen von verschiedensten Gruppen unterstützt wie Gesellschaft für operative Kunst, Verfolgte des Nazi Regimes, Satdtteilverein SIT, GAL Fraktion, Jugendgrupppen, Art Base Projektlabor, IG Medien, U Site, Die Hausaktie- Kunst - Kultur- Kommunikation ist in Arbeit und wird demnächst erhältlich sein, über die Hintergründe informieren und soll weitere Projekte unterstützen.
Pilz: Siehst Du eine Verbindung zwischen der Trancebewegung und Politik?
Udo: Die Trancebewegung nimmt schon Einfluß auf die Politik und der Transformationsprozeß ist im Gange. Das Bewußtsein vieler Menschen ist durch Trance schon verändert. Jetzt wird es Zeit, daß die Gpsychedelischen Erfahrungen und Visionen der neuzeitlichen Medizinmänner und -frauen auch eingesetzt werden, um die Zukunft zu gestalten.
Pilz: Zum Schluß noch einmal zu Deiner eigentlichen Arbeit: Das häufigste Thema Deiner Fotos ist Deko. Wie würdest Du eine Party dekorieren, wenn Du totale Freiheit hättest?
Udo: Ich versuche mit der Kamera den Raum des Trance einzufangen und die künstlerische Arbeit in diesem Bereich zu dokumentieren. Der Begriff Party ist mir eigentlich zu flach, wenn man bedenkt, daß sich die Teilnehmer einer Tranceveranstaltung psychoaktive Pflanzen, LSD oder MDMA zuführen, Türen ihres Selbstbewußtseins öffnen und mit Information überschwemmt werden, die normal nicht zugänglich ist. Als Deko schwebt mir ein Tempel vor, in welchen der Besucher sich entspannen kann und vieleicht in sich etwas wiederfindet.