Trance & Science

Interview mit Dio The Wyrd
 

aus mushroom 2/98
Interview & Übersetzung: Alan Frostick

Letztens stieß ich, als ich mal wieder das Internet nach interessanten Party-Adressen durchsuchte, auf die Homepage des Schweizer Trance-Institutes. Die Sache klang spannend: Das Institut erforscht Trance als außergewöhnlichen Bewußtseinszustand im Allgemeinen. Ich wechselte einige Emails mit dem Kalifornier Dennis R. Wier, Direktor des Institutes, die ich in diesem Interview zusammenfasse. "DIO THE WYRD" wie er genannt wird, ist auch Autor des Buches "TRANCE: FROM MAGIC TO TECHNOLOGY". Ich hoffe hiermit einige Anstöße zum Thema Trance zu geben, besonders in bezug auf die Musik und Parties die wir alle lieben.

 

Pilz: Dio, wie kommt man dazu ein Trance-Institut zu gründen?

Dio: Mein Interesse und meine Qualifikation sind sehr persönlich. Nach 35 Jahren aktiven Meditierens war mir klar, daß ich irgendwie süchtig danach sein muß. Daraus ergab sich die Frage, welche Verbindung zwischen Meditation und Abhängigkeit besteht. Ich stellte fest, daß es die Trance ist. Ich habe angefangen Trance zu erforschen und schließlich ein Buch darüber geschrieben. Das Trance-Institut gründete ich als Informationszentrum für das komplexe Thema Trance, das viele andere Bereiche mit einschließt wie Meditation, Hypnose, Musik, Tanz, Kultur und Politik, genauso wie Magie, Hexenwesen und auch Drogenge- bzw. -mißbrauch.

Pilz: Was ist Trance in wissenschaftlichem Sinne?

Dio: Trance ist eine spezielle Form der Bewußtseinsauflösung oder auch Gedankentrennung. Wir begegnen leichten Trance schon in ganz alltäglichen Situationen, z.B. wenn wir Autofahren und gleichzeitig Radio hören. Tiefer Trance ist zielgerichteter. Wenn man die eigene Aufmerksamkeit länger auf einen bestimmten Punkt konzentriert, beginnt man gewöhnlich seine Gedanken zu wiederholen, sich zu langweilen und schließlich in einen Zustand völliger Gedankenauflösung zu geraten. Trance wird also durch Wiederholungen erzeugt, sogenannten "Loops".

Pilz: Das klingt, als sei Trance etwas ganz normales?

Dio: Trancezustände sind weit verbreitet. Es gibt den alltäglichen Trance beim Bücher lesen, Tagträumen oder fernsehen und den selteneren mystischen Trance der Yogis, Magier, Hexen oder Schamanen. Trommeln, marschieren, Liebe machen, monotone Musik - all das kann Trance erzeugen. In all diesen Dingen finden wir den Loop als tranceerzeugendes Mittel. Trance kann aber auch viel komplizierter sein, z.B. in der Meditation, Hypnose, bestimmten Formen von Abhängigkeiten und Geisteskrankheiten oder visionären, mystischen Bewußtseinszuständen.

Pilz: Was bedeutet es für den Menschen, in Trance zu sein?

Dio: Trance kann verschiedene Effekte haben. Einer ist, daß wichtige mentale Funktionen ausgeschaltet werden, wie Urteilsfähigkeit, Willenskraft, Körper- und Zeitgefühl, Erinnerung etc. Anderseits steigt die Vorstellungskraft, die Fähigkeit kreativ zu phantasieren. Wer lernt, Trance geschickt einzusetzen, kann viel Kreativität und Kraft freisetzen. Hast Du schon mal vom Mozart-Effekt gehört? Forscher haben festgestellt, daß Studenten schneller lernen und bessere Leistungen bringen, wenn sie Mozart hören. Für mich ist klar, daß die Wiederholung von Themen in dieser Musik Trancezustände erzeugt, die die Kreativität und Intelligenz anregen. Ich denke, daß jede andere Musik mit bestimmten, komplexen Mustern den gleichen Effekt erzielen würde.

Pilz: Ich habe mich selbst schon viel mit dem Thema Trance beschäftigt, gerade in Zusammenhang mit Musik und natürlich Parties: Das Aufgehen des Ich in der Musik, die tranzendentale und auch sexuelle Kraft des Tanzes, die spezielle Wirkung von Mandala- und Schwarzlichtdeko in Parties, in Verbindung mit der stark repetitiven Trance-Musik. Auch diese Dinge können Trance erzeugen. Was hältst Du von solchen Trance-Parties?

Dio: Ja, Trance-Parties haben viele Elemente, die nötig sind, um das Bewußtsein zu verändern. Schon die sich wiederholenden Themen der Musik würden reichen, hypnotische Trance zu erzeugen. Elemente wie Deko unterstützen das noch. Andere Elemente in Parties wirken dem aber entgegen: Jemand spricht dich an, es ist voll auf der Tanzfläche und man tritt dir auf die Zehen...

Pilz: Was meinst Du mit hypnotischem Trance?

Dio: Das ist eine besondere Form von Trance, bei der bewußt Wiederholungen von außen eingesetzt werden, wie z.B. in der Hypnose oder der Propaganda, hypnotische Trance kann sehr leicht mißbraucht werden.

Pilz: Sind Trance-Parties ein Weg zur Erleuchtung oder machen sie in erster Linie empfänglich für Beeinflussung von außen?

Dio: Trance-Parties sind eher hypnotisch und von daher weniger geeignet, Erleuchtung zu erzeugen. Erleuchtung beinhaltet, daß man die eigene Trance kontrollieren kann. Bei hypnotischer Trance ist das nicht der Fall. Es besteht also eine gewisse Gefahr von Trance-Mißbrauch in den Parties, z.B. durch entsprechende Texte in der Musik.

Pilz: Trance-Mißbrauch?

Dio: Es ist, wenn sich jemand einen Vorteil verschafft, indem er Leute beeinflußt, die sich in einem Zustand hypnotischer Trance befinden. Bei Trance-Parties besteht außerdem die Gefahr, daß eine Trance-Sucht oder schizophrene Trancezustände hervor gerufen werden, vor allem wenn bereits andere Suchtverhalten vorhanden sind. Das hängt natürlich stark ab von der Musik, den Texten (wenn vorhanden) und der Energie, die die Leute mitbringen. Viele verschiedene Stimmungseinflüsse können den Effekt der tranceerzeugenden Elemente verringern. Das ist dann z.B. auch ein Weg eine Party am Ende aufzulösen. Die Möglichkeiten, Trance in Parties zu erzeugen und zu (be)-nutzen, sind also sehr vielfältig. Die gesamte Atmosphäre ist aber entscheidend, ob und wie hypnotisch das Set wirkt. Will man gezielt eine spezielle Energie bewirken, ist eine entsprechende Fokussierung z.B. auf bestimmte Themen bei der Dekoration, der Location etc. aus trance-theoretischer Sicht notwendig.

Pilz: Das klingt ja nun alles sehr wissenschaftlich. Wozu genau ist Trance-Theorie denn gut?

Dio: Trance-Theorie ist zum einen ein Modell, um menschliches Verhalten oder bestimmte Phänomene wie Meditation, Hypnose oder magische Fähigkeiten zu erklären. Die vorliegenden psychologischen Erklärungen dieser Phänomene reichten mir nicht weit genug und so nutzte ich mein Wissen als Systemanalytiker und kam zu ganz neuen Ansätzen, die ich in meinem Buch beschrieben habe. Die von mir entwickelte Trance-Theorie entstand aus einer Analyse meiner eigenen Meditationserfahrungen und empirischen Experimenten z.B. mit Hypnose und Abhängigkeiten. Meine Theorie ist sehr viel einfacher als bisherige Erklärungen, liefert aber viel tiefgehendere Schlußfolgerungen, z.B. was Erleuchtung ist oder wie Schamanen Trance nutzen, um magische Effekte zu erzielen. Kern meiner Theorie ist, daß wiederholte Gedanken(-abläufe) eine besondere Form der Trennung oder Auflösung hervorrufen - die ich als Trance definiere - und daß bei diesem Vorgang bestimmte mentale Funktionen ausgeschaltet werden, um Energie zu erzeugen oder zu bewahren. Die Trance-Theorie liefert aber auch praktische Ergebnisse. z.B. für die eigene Meditation oder wie in Deinem Fall für Parties. Nimm z.B. die Loops: Wenn Du dich auf einer Party umsiehst, wirst Du feststellen, daß sie überall sind - in der Musik, in der Deko, in den Bewegungen des Tanzes. Und es sind die Loops, die die Trance erzeugen. Wenn Du diese Dinge erkennst, kannst Du viel besser beurteilen, in was für einem Trance-Zustand Du dich befindest. Ich war selbst schon auf einigen Trance-Techno-Parties aber die waren ganz anders, als die Goa-Parties, die Du beschreibst. Ich werde hier auf jeden Fall mehr recherchieren, denn aus trance-theoretischer Sicht klingen diese Parties sehr interessant...

Pilz: Dann sollte ich Dich wohl mal zu ein paar richtig guten Parties einladen...

Dio: Das würde mich sehr freuen. Aus den Parties auf denen ich war, hätte man in Bezug auf Trance sehr viel mehr machen können. Ich glaube wirklich, daß die Trance-Szene da an etwas wirklich wichtigem dran ist und ich glaube, es wäre gut für die Leute zu wissen, was man mit Trance alles machen kann

Pilz: Viele Leute in der Goa-Szene interessieren sich für Magie. Gibt es da eine Verbindung mit Trance?

Dio: Die Verbindung zwischen den beiden ist das Wissen um spirituelle Energien wie man sie z.B. beim Heilen einsetzt. Das wurde früher Magie genannt. Aber Magie muß heute, am Ende des 20. Jahrhunderts, nichts mystisches mehr sein. Magie ist einfach eine Technik und die Basis dafür ist Trance. Wichtig ist, daß man lernt, Trance zu beherrschen, wenn man magisch wirken will.

Pilz: Ist das der Grund, warum Du Kurse in Trance anbietest?

Dio: Ja, in meinen Kursen und Vorträgen will ich den Leuten zeigen, was Trance ist und wie sie ihn positiv nutzen können. Demnächst werde ich regelmäßige Veranstaltungen in London haben. Ich möchte auch gern mehr in Deutschland machen. In Winterthur, wo ich lebe, biete ich in Einzelsitzungen auch Trance-Analyse an. Das ist eine besondere Form der Selbsterfahrung und Betrachtung auf Basis meiner Trance-Theorie. Ziel ist, ganz persönliche Techniken für Meditation und tiefe Trance zu entwickeln und so eigene Kräfte freizusetzen, um eine bessere Selbstwahrnehmung und mehr Einfluß auf die persönliche Lebensgestaltung zu bekommen.

Pilz: Dio, ich danke Dir sehr für dieses Interview. Ich denke, in den interessanten Antworten sind viele Anregungen für die Trance-Szene. Es wäre schön, wenn wir in der nächsten Zeit noch mehr von Dir zu hören, und hoffentlich auch zu sehen, bekommen.

 

Wer mehr über die Trance-Theorie von Dio (Dennis R. Wier) erfahren möchte, dem sei sein Buch empfohlen:

TRANCE: FROM MAGIC TO TECHNOLOGY (leider nur auf Englisch erhältlich) DM 30,- (inkl. Porto) direkt zu bestellen bei:
Dennis R. Wier
The Trance Institute Sunnenhaldenstr. 7
CH-8311 Brütten
Wer Dio für Kurse oder Vorträge zum Thema Trance buchen möchte, kann direkt Kontakt aufnehmen:
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