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dec, 1997
DER EARTHDANCE UND DAS TADRA PROJEKT oder: wohin gehen die Spenden? (Ein Reisebericht nach Tibet)
germany
Text: Palden Tawo & Mat Mushroom
Fotos: Palden Tawo
Am 4.Oktober fand im Hamburger Gaswerk mit einem überfetten DJ-Aufgebot der deutsche "Earthdance"-Event zugunsten des gebeutelten tibetanischen Volkes statt. 14 weitere Ländern folgten ebenfalls dem Aufruf der Londoner Veranstaltern "Return To The Source". Bei solchen Benefit-Events ist es für den Partygast immer ein bißchen schwierig, Einsicht in die Abrechnungen zu bekommen, um kontrollieren zu können, daß das Geld auch wirklich seinen Bestimmungsort erreicht, weshalb wir Euch nun in die Unterlagen der Veranstalter von Shroomtown-Productions gucken lassen und Euch gleich dazu einen Eindruck geben, wie das Geld vor Ort hilft, denn ein Reisebericht des Tadra-Projektleiters Dr. Palden Tawo wird Euch einen kleinen Einblick geben, wie die 25.000 DM Überschuß (von den 2858 zahlenden Gästen) des Hamburger "Earth Dances" eingesetzt werden:
Text: Palden Tawo
Am 26.6.1997 flogen drei Mitglieder des Tadra- Projektes (Rüdiger Zahnow, Yeshe Gonpo Kharsar und Palden Tawo) von Frankfurt aus mit der China- Airline nach Peking, mit dem Ziel, unseren Projekt-Standort in der Tawo-Drangon-Region zu erreichen. Gemäß unserer Vereinssatzung wurden sämtliche Kosten von den Reisenden aus eigener Tasche bezahlt. Wir konnten uns in Peking und Chengdu selbst davon überzeugen, daß China tatsächlich im Aufbruch ist. Überall Baustellen! Wo vor 10 Jahren noch Felder und Wiesen waren, sind neue Satdtteile entstanden mit modernen Wohnsilos und Skylines. Die Menschen bewegen sich relativ freizügig, z.T. sehr modisch gekleidet, wie in einer westlichen, kapitalistischen Großstadt. Von der oft beschriebenen Militär-Präsenz war nichts zu sehen. Von Peking aus fuhren wir 38 Stunden (!) mit dem Bus nach Tawo und Drango. Je weiter wir uns vom eigentlichen China entfernten und dem tibetischen Gebiet näherten, umso armseliger und dürftiger wurde die Infrastruktur. Morgens um 6.00 Uhr erreichten wir wir dann endlich die ursprünglich tibetische Grenzstadt Dartsedo, die heute Kanting heißt. Dartsedo ist inzwischen eine rein chinesische Stadt. Ab und zu sahen wir ein paar Tibeter, die wie Fremdkörper wirkten. Von Dartsedo aus mußten wir weitere 8 Stunden fahren, bis wir endlich die kleine Stadt Tawo erreichten. Unterwegs sahen wir hunderte von Lastwagen, die mit Holzstämmen vollbeladen nach China fuhren. Später erfuhren wir von den chinesischen Behörden, daß allein aus Drango und Tawo ca. 1000 solcher Lastwagen täglich nach China fahren, und dies seit ca. 30 Jahren! Trotz dieser hemmungslosen Abholzung ist die Landschaft trotzdem immer noch unbeschreiblich schön. Schon am nächsten Tag hatte sich überall rumgesprochen, daß eine Gruppe aus Deutschland angekommen sei. Nach ca. 40- jähriger Annektierung durch China waren wir die ersten Ausländer, die nicht als Durchreisende kamen, sondern als eine Gruppe, die den Menschen in Tawo und Drango helfen will. Der Empfang war entsprechend innig und herzlich. Da unsere Zeit knapp bemessen war, gingen wir aber gleich am nächsten Tag an die Arbeit. Die offiziellen Gespräche in der Verwaltung Drangos verliefen anfänglich sehr langatmig. Erst nach 12- stündiger Diskussion an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit immer höheren Instanzen konnte endlich alles zufriedenstellend geklärt werden, und wir durften unseren Projekt-Standort besichtigen. Das Grundstück dürfte ca. 7000 qm groß sein und liegt wunderschön in einem kleinen idyllischen Dorf zwischen Drango und Tawo. Wir wußten allerdings zu Beginn nichts von der Tatsache, daß die Chinesen -möglicherwesie um ihr Gesicht zu wahren- eine neue Schule direkt neben unserem Grundstück bauen ließen. Dieser neue Tatbestand veranlaßte uns, vor Vertragsunterzeichnung bei den Behörden und dem Architekten zwei Tage Bedenkzeit einzulegen. Uns erschien es unsinnig, in einem kleinen Dorf zwei neue Schulen aufzubauen. Also zogen wir uns zu einer Klausur zurück, um intern die neue Situation zu diskuttieren. Wir waren zunächst zwar verärgert darüber, daß die Behörden mit keinem Wort ihre neue Schule erwähnt hatten, andererseits aber auch etwas stolz darauf, daß wir möglicherweise den Anstoß dafür gaben, daß die Chinesen etwas für die lokale Bevölkerung getan haben. Während dieser zwei Tage erreichte uns eine Delegation der Bevölkerung aus Tawo, die von unseren Unstimmigkeiten mit mit den Behörden in Drango erfahren hatte. Sie bot uns jede Unterstützung an, falls wir die Schule im Bezirk Tawo bauen wollten, u.a. ein riesiges Grundstück von ca. 600.000 qm. Ferner wollte die Bevölkerung beim Bau selbst mit Hand anlegen, um die Kosten so gering wie möglich zu halten. Das Grundstück beinhaltet eine Obstplantage, ein Stück Wald, Gemüsefelder und eine riesige Wiesenfläche. Ideale Voraussetzungen für unser Projekt, auch im Hinblick auf das kleine Krankenhaus, das wir später in einer zweiten Etappe bauen wollen. Strom und Wasser sind vorhanden und werden kostenlos zur Verfügung gestellt. Nach reichlicher Überlegung nahmen wir Kontakt mit den Behörden in Tawo auf. Einige Beamte waren Tibeter, die uns bei den offiziellen Gesprächen enorm den Rücken stärkten, sodaß die Bezirksverwaltung Tawos letztendlich zusagte, uns in jeder Form zu unterstützen und uns die Genehmigung für unser Projekt zu erteilen. Somit verlief unsere Projektreise schließlich besser, als wir anfänglich erhofft hatten. Um der Sache einen offiziellen Charakter zu geben, führten wir mit vier Mönchen nach alter tibetischer Sitte eine Zeremonie durch, das Grundstück zu segnen und den Grundstein zu legen. Vertreter der Bezirksverwaltung und der lokalen Bevölkerung waren bei der Festlichkeit zugegen. Vertraglich vereinbart wurde zunächst ein Waisenhaus für 12 Kinder mit einem Pflegeelternpaar. Desweiteren sollen nach und nach 7 Häuser mit Unterkunft für jeweils ca. 10 Kinder und ein Lehrerehepaar entstehen. Selektionskriterium ist einzig und allein die soziale Situation, d.h. es werden bevorzugt Waisenkinder und Kinder der sozialen Unterschicht aufgenommen. Davon gibt es- wie wir uns überzeugen konnten- mehr als genug. Die Schulfächer werden vom Kultusministerium Chinas vorgegeben. Vertraglich gesichert ist jedoch die Möglichkeit, zusätzlich Tibetisch- und Englischunterricht zu geben. Die Auswahl der Kinder, Mitarbeiter , speziell der Lehrer, Pflegeeltern sowie Verwaltung der Schule obliegt unserer Verantwortung. Ein Gremium von vier vertrauenswürdigen und kompertenten Personen aus der lokalen Bevölkerung wurde von uns ernannt, das sich zunächst ehrenamtlich um die Belange des Projektes vor Ort kümmern wird. Ein Konto für das Tadra- Projekt wurde bei der Bank in Tawo eröffnet. Das Gremium hat die Vollmacht, von dem Konto Geld abzuheben, allerdings nur bei Vorlage aller vier Unterschriften. Zudem wird das Geld nach erfolgter Bauarbeit in Etappen von Deutschland aus auf das Konto überwiesen (nach Zusendung der jeweiligen Rechnung). Die Gestaltung des Geländes soll in Kürze erfolgen. Mit dem eigentlichen Bau der Häuser soll im März 1998 begonnen werden. Die Baukosten belaufen sich, wenn tatsächlich die lokale Bevölkerung mithilft, auf ungefähr 10.000 DM pro Haus. Nach den Bauvorschriften des Kultusministeriums muß die Schule in massiver Bauweise erfolgen. Es gibt 3 verschiedene Qualitätsgrade zur Auswahl. Die billigste Version würde ca. 60.000 DM, die teuerste 80.000 DM kosten.
Unsere Projektreise war also nach anfänglichen Schwierigkeiten letztlich sehr zufriedenstellend verlaufen. Wir sind absolut sicher, nach Kenntnis der Gegebenheiten, daß die Menschen von einer solchen Schule profitieren werden, denn die öffentliche Schule dort ist in jeder Hinsicht eine Farce. Kinder, die 6 Jahre lang diese Schule besucht haben und nur in Chinesisch und Rechnen unterrichtet wurden, waren nicht einmal in der Lage, einen Satz auf chinesisch fehlerfrei zu schreiben. Durch unsere Schule wird auch die öffentlich-staatliche Schule gezwungen sein, sich mehr Mühe zu geben, um nicht lächerlich zu wirken. Auch über das Krankenhaus- Projekt wurde gesprochen. Wir merkten, daß sogar die Behörden freimütig zugaben, daß die medizinische Versorgung völlig unzureichend sei. Sie waren mehr an dem Krankenhaus interessiert, als an der Schule. Somit hatten wir ein gutes Druckmittel, unser Schulprojekt durchzusetzen. Wir argumentierten, daß sachgemäß unserer Vereinssatzung in der ersten Etappe das Waisenhaus und die Schule und danach erst in einer zweiten Etappe das Krankenhaus in Angriff genommen wird, und daß es ein Krankenhaus ohne die Schule nicht geben wird. Wir sind fast sicher, das wir ohne das Krankenhaus- Projekt im Rücken die Genehmigung für die Schule nicht bekommen hätten. Zwei Ereignisse in Tawo während unseres Aufenthaltes dort unterstrichen die Dringlichkeit einer halbwegs ausreichend medizinischen Versorgung. Ein junger Mönch von 26 Jahren verstarb an den Folgen einer Magenblutung und eine 24 jährige Mutter an einem Blindarmdurchbruch. Diese Situation war gerade für mich als Arzt unerträglich, da ich ihnen nicht helfen konnte. Das nächste einigermaßen suffiziente Krankenhaus lag etwa 46 Stunden Busfahrt von Tawo entfernt. Während unseres fast vierwöchigen Aufenthaltes in Tawo und Drango hatten wir fast täglich sehr bewegende Bergegnungen mit den Menschen dort. Viele erzählten, wenn sie sich unbeobachtet fühlten und mit uns alleine waren, über ihren unvorstellbaren Leidensweg, insbesondere während der Kulturrevolution. Es gab kaum eine Familie, die nicht einen Toten in der Familie zu beklagen hatte. So hörten wir Berichte über Folterungen, Hunger und Gefängnis. Sie erzählten aber auch, daß es ihnen seit einigen Jahren etwas besser geht.
Im nächsten Monat erfahrt Ihr, wieviel die anderen "Earthdance"-Parties spenden konnten und was der Dalai Lama zu der weltweiten Benefit-Party-Aktion zu sagen hat.
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